Das Drehbuch für Roman Polanskis Chinatown verfasste Robert Towne.
Es wurde 1975 mit dem Oscar für das beste Originaldrehbuch, dem Golden Globe f
ür das beste Drehbuch, sowie mit dem amerikanischen und britischen Academy-Award
für das beste Drehbuch ausgezeichnet.
Heldengeschichte und Drop-out of Story
Mit Chinatown erhielt ein Drehbuch die wichtigsten Auszeichnungen der
Filmindustrie, was auf den ersten Blick viele Merkmale der klassischen Heldengeschichte
trägt. Doch Chinatown bricht letztlich mit dieser Erzähltradition, je tiefer der Held
in die Geschichte verwickelt wird. Schließlich scheint er die Rückreise antreten zu müssen,
doch die ist schon nicht mehr möglich.
Doch das misslingt, der Held ist kein Held mehr, er ist ein ohnmächtiger Verstrickter in einem
Räderwerk, was sich zunehmend seiner Kontrolle entzieht.
Die Nase
Dieser Kontrollverlust ist in der symbolischen Form des Nasenverbandes der Schatten,
er folgt Gittes, seit des Cameo Auftritts Polanskis. Doch Polanski wäre nicht Polanski, wenn seine
Symbole nicht zur Laufzeit erst materialistisch erzeugt würden. Das hat er mit dem Schrank in 'Dwaj
ludzie z szafą', 1958 erfunden. Der Schrank wird von Gittes mit der Nase getragen - das ist
Surrealismus aus Polen. Die Nase verliert nicht nur ihre visuelle Präsenz, sondern sie ist der Verlust
der Fähigkeiten des Schnüfflers. Der, seines wichtigsten Organs symbolisch beraubt, ist hilflos. Dieser
Auftritt Polanskis ist eine einzigartige Idee, die gleichsam die Macht des Regisseurs aufzeigt, und
zugleich der Geschichte von außen kommend die Wende gibt. Pure narrative Macht. Und noch mehr, denn es
wird durch die Präsenz Polanskis symbolisch der Raum des Films verlassen, er kommt aus der Leinwand und
schneidet dort in die Leinwand, an der Stelle, wo der Projektor die Nase zeigt hinein. Atemberaubend. In
dieser Ausprägung und als erster echter Ökothriller ist Chinatown bahnbrechend und erlebt im heutigen
Kalifornien seinen traurigen letzten und realen Akt. Polanskis erzählerisches Können. Das Brechen der
zuvor sorgsam gezogenen dramaturgischen Linien ist überragende Erzählweise, die weitab von tradierten
Mustern funktioniert. Das macht Chinatown zu einem echten Klassiker, viel eher der europäischen als der
US-Tradition.
Narratives Grundmuster
Die Reise des Helden dient seit jeher und weltweit als narratives Grundmuster und ist gekennzeichnet
durch typische Situationsabfolgen und Charaktere. Sie ist vor dem Hintergrund unterschiedlicher
kultureller Entwicklungstendenzen in ihrer konkreten Ausformung äußerst unterschiedlich. Gemein ist
ihren narrativen Strukturen jedoch ein Fundus an dramaturgischen Techniken und Möglichkeiten. So können
Heldengeschichten stark differierende Formen annehmen, sich auf der Basis eines abstrakten Vergleichs
der Funktionalität des dramatischen Erscheinens aber fast identisch sein. Ebenso spielen geografische,
soziale und lebensraumbezogene Aspekte eine wichtige Rolle.
Vor dem Hintergrund der technischen Entwicklung
Hierbei ist zudem eine unterschiedliche Ausformung der Heldenreise vor dem Hintergrund der technischen
Entwicklung zu beachten. Die Funktion des Helden wird in Erzählungen industrialisierter und reicher
Gesellschaften eine ganz andere sein als in Erzählungen armer und wenig industrialisierter
Gesellschaften. So bringt die technische und wissenschaftliche Entwicklung einer Gesellschaft scheinbar
neue Heldenrollen hervor. Doch damit nicht genug: Auch durch die Veränderung der Verbreitungsart
narrativer Traditionen finden neue Heldengeschichten Eingang in den dramaturgischen Fundus einer
Gesellschaft.
Die Helden des Industriezeitalters
Die Helden des Industriezeitalters wären nicht denkbar, wenn nicht durch die technische Entwicklungen
dieser Zeit die Möglichkeit der massenhaften Vervielfältigung der Geschichten entstanden wäre. Damit
ändert sich die inhaltliche Funktion der Erzählungen. Es kommt zu einer Demokratisierung des Helden. Er
verliert seine vordergründig religiöse Funktion und übernimmt die Rolle des Detektivs, des Polizisten,
des Soldaten, des Antihelden, des Jedermann und des Donald Duck. Auch wenn hier von einer Emanzipation
der Erzählweisen gesprochen werden kann, bleiben doch dramaturgische Rückgriffe auf der Ebene der
Funktionen innerhalb narrativer Strukturen, die den Rückschluss zulassen, dass bestimmte, aus der oralen
Tradition stammende, Erzählkonzepte besonders stringent und besonders gut geeignet sind, um Geschichten
zu erzählen.
Joseph Campbell
Nach dem Professor für Mythologie und vergleichende Religionswissenschaften Joseph Campbell, der
religiöse Überlieferungen, Märchen und Mythen auf gemeinsame Erzählstrukturen hin untersucht hat, wird
diese archetypische Grundstruktur der Heldenreise als “Monomytos” bezeichnet. Der Monomytos beschreibt
ein zyklisches Schema, dem alle Geschichten insgesamt oder ausschnitthaft folgen und das die
entscheidenden Stationen im Individuationsprozess umfasst. Das Muster, nach dem sich Erkenntnis und
Selbsterfahrung vollziehen, ist ein grundsätzliches. Damit ist die Struktur des Monomytos ein
entscheidendes Werkzeug für die dramaturgische Analyse, die Entwicklung und Erarbeitung von
Filmstoffen.
Die 1997 erschienene Odysse des Drehbuchschreibers von Christopher Vogler
Die 1997 erschienene Odysse des Drehbuchschreibers von Christopher Vogler hat zur Zielsetzung
genau jenen Monomytos als Grundmuster des Erzählens erfolgreicher Drehbücher des amerikanischen
Erfolgskinos aufzuzeigen und als Leitfaden zum Verfassen von Drehbüchern zu empfehlen. Dabei bezieht
Vogler sich neben Joseph Campbells Der Heros in tausend Gestalten1 auf die
Archetypenlehre des Schweizer Psychologen Carl Gustav Jung. Als Archetypus bezeichnet Jung universell
vorhandene, von Kultur und sozialer Herkunft unabhängige Urbilder menschlicher Vorstellungsmuster.
Christoph Vogler ist als Mitarbeiter an dem renommierten Filmdepartement der USC (University of
California) in dem Bereich der Stoffentwicklung und der Autorenbetreuung tätig und hat für einige der
populärsten Filmstudios in der Prüfung von Stories und Drehbuchentwürfen gearbeitet. Die Odyssee des
Drehbuchschreibers2 gilt seit einigen Jahren als einer der Hollywood-Standards für
Drehbuchschreiber.
Kritische Auseinandersetzung mit Christopher Voglers Thesen
Diese Arbeit dient einer kritischen Auseinandersetzung mit Christopher Voglers Thesen. Es soll geprüft
werden, in wie weit das Modell der Heldenreise als ein Leitfaden zum Verfassen kommerziell erfolgreicher
Drehbücher geeignet ist. Hierzu ist es notwendig, im Anschluss an eine dramaturgische Anlayse Chinatowns
anhand der Odyssee des Drehbuchschreibers, die Relevanz der genrespezifischen
Definitionsmerkmale und konstitutiven Elemente der Film noirs zu untersuchen. Nur so kann nachgewiesen
werden, dass vielmehr das Genre als der von Vogler postulierte formale Ablauf der Heldenreise als
dramaturgische Anweisung bindet.
Die Odyssee des Drehbuchschreibers im Überblick
Vogler bezieht sich in der Odyssee des Drehbuchschreibers auf die wissenschaftlichen Arbeiten
von Joseph Campbell und Carl Gustav Jung. Er greift sowohl auf Campbells Vergabe von Archetypen, die
dieser anhand von vergleichenden mythologischen Studien gewonnen hat, als auch auf Jungs aus
tiefenpsychologischen Studien hervorgegangene Typisierung zurück.
Der Heros mit tausend Gestalten und die dort dargestellte Reise des Helden als
Grundmuster
In Anlehnung an Campbells Der Heros mit tausend Gestalten und der dort dargestellten Reise des
Helden als Grundmuster für jede Erzählung unabhängig von sozialer und religiöser Herkunft entwarf Vogler
seine den Forderungen der Filmindustrie angepassten zwölf Stadien der Heldenreise. Wie auch Campbell
unterwirft er die zwölf Stadien der Reise dem klassischen Paradigma der Dreiaktstruktur. Der erste Akt
umfasst die gewohnte Welt des Helden, den Ruf des Abenteuers, die Weigerung des Helden, die Begegnung
mit dem Mentor und das Überschreiten der ersten Schwelle. Im zweiten Akt durchläuft der Held
Bewährungsproben, trifft Verbündete und Feinde, dringt zur tiefsten Höhle vor und stellt sich der
entscheidenden Prüfung, um im Anschluss daran eine Belohnung in Empfang zu nehmen. Der dritte Akt
beschreibt den Rückweg des Helden, seine Auferstehung und die Rückkehr mit dem Elixier. Vogler
verweist darauf, dass der Held zu Beginn jeder Geschichte in seiner gewohnten Welt gezeigt werden muss:
„Die gewohnte Welt ist Kontext, Ausgangspunkt und Hintergrund des Helden.“3 Dabei sollte
besonderer Wert auf die geografische, kulturelle und zeitliche Dimension gelegt werden. Denn nur:
„Damit ist die wichtigste Grundlage für einen Kontrast
[zur daraufhin folgenden Reise] gegeben.“4
Im Anschluss daran sollte der Ruf des Abenteuer erfolgen5.
Es muss sich dabei nicht zwingend um eine äußere Herausforderung handeln:
„Es kann sich auch ein Bote aus dem Unbewussten des Helden
melden und ihm die Nachricht überbringen, dass es nun Zeit für eine Veränderung ist.“6
Handelt es sich jedoch um einen von außen an den Helden herangetragenen Ruf, muss sich zu diesem immer
auch ein innerer Konflikt gesellen, sei es ein Mangel in der Persönlichkeit des Helden, ein noch nicht
überwundenes dramatisches Erlebnis, die Unzufriedenheit mit sich selbst oder Schwierigkeiten beim Aufbau
von Beziehungen. Ziel der Reise darf es für den Helden nicht nur sein, die ihm durch äußere Umstände
auferlegte und mit dem Ruf des Abenteuers überbrachte Aufgabe zu erfüllen. Er sollte auch innerlich
wachsen, seine sozialen Fähigkeiten ausbauen oder an Erkenntnis reicher werden. Das Stadium der
Weigerung tritt als retardierendes Moment im Handlungsverlauf und zugleich als Spannungspunkt im
Fortgang des Geschehens auf. Hier bringt nicht zuletzt die Begegnung mit dem Archetypen des Mentors die
Entscheidung.
„Für den Geschichtenerzähler bietet die Episode der
Begegnung mit dem Mentor reichen Stoff für Konflikte, für humorvolle und tragische
Szenen.“7
Der Mentor tritt als weise und erfahrene Person auf, die dem Helden schützend zur Seite steht und ihm die
Fähigkeiten für die Bewältigung seiner Aufgaben vermittelt. Es folgt das Überschreiten der ersten
Schwelle und somit die Zusage zur Annahme der Herausforderung. Der Held sieht sich im Folgenden
Bewährungsproben, Verbündeten und Feinden gegenübergestellt. Er lernt dazu, gewinnt an Stärke und nähert
sich dem zentralen Punkt seiner Reise. Es erwartet ihn die entscheidende Prüfung, die mit der Erfahrung
von Todesnähe und Verlustängsten einhergehen kann und dem Helden all seine Willensstärke abverlangt8.
Hat der Held die Prüfung erfolgreich bestanden, die immer auch mit einer inneren Wandlung des Helden
einhergeht, wird er belohnt. Das zehnte Stadium der Reise umfasst den Rückweg. Der Held kehrt in seine
gewohnte Welt zurück oder setzt die Reise zu seinem endgültigen Ziel fort. „Der Rückweg markiert den
Punkt, an dem der Held sich wieder bewusst dem Abenteuer zuwenden muss.“9 Das elfte Stadium
bezeichnet die Auferstehung des Helden und bildet die Klimax. Der Handlungsverlauf fordert nunmehr eine
weitere Prüfung, dieses Mal von höchstem Anspruch.10 Der Sieg über den Gegner sollte mit
einer emotionalen Läuterung einhergehen und den Helden zur Rückkehr mit dem Elixier11
befähigen. Unabhängig davon, ob der Held in seine gewohnte Welt zurückkehrt oder seine Reise fortsetzt,
sollte er emotional gewachsen sein und sein Ziel erreicht haben:
„Was sie auch tun, sie tun es in dem Wissen, daß für sie
ein neues Leben beginnt, daß der zurückgelegte Weg ihr Leben auf immer verändert hat.“12
Als ein „Politthriller“ in der Tradition des Film noir ist Chinatown dramaturgischen Paradigmen
unterworfen. Diese genrespezifischen Festlegungen erfordern eine dem Gesamtkonzept entsprechende
Handlungsführung; eben auch, weil der Film noir nicht „durch Konventionen des Schauplatzes und des
Konflikts [...], sondern eher durch die subtileren Qualitäten des Tones und der Atmosphäre“13
definiert ist. Der Film noir adaptiert konstitutive Elemente, Definitionsmerkmale und Handlungsmotive
aus Genres wie dem Melodram, dem Gangsterfilm, dem Detektivfilm, dem Polizeifilm und dem Horrorfilm. Er
ist gekennzeichnet durch die Auseinandersetzung mit Mord, Korruption, Ehebruch, Politik und Erotik,
seine Helden sind negative Helden. Das Verbrechen ist der Ausgangspunkt der Handlung, „der kategorische
Imperativ des Film noir“14.
Die Hauptfigur wird mit diesem Verbrechen als Untersuchender, als Beobachter, als Opfer oder als Täter
konfrontiert. So auch der Privatdetektiv Jake J. Gittes, dessen Weg im Folgenden einer dramaturgischen
Analyse anhand der Odyssee des Drehbuchschreibers unterliegen soll: Jake. J. Gittes gewohnte
Welt ist gekennzeichnet durch die Arbeit in seiner Detektei. Vogler betont:
„Eine weitere wichtige Funktion der gewohnten Welt besteht
darin, die dramatische Frage der Geschichte aufzuwerfen.“15
In Chinatown geschieht dies durch Gittes zynische Äußerung, dass Reiche sogar mit einem Mord
davon kämen16. Zugleich kommt diese Aussage der Forderung Voglers nach, dem Helden
Charakterzüge zuzuschreiben, die eine Identifikation erleichtern. Gittes tritt in der Gestalt des
verwundeten Helden auf:
„Mitunter scheint es, als wäre der Held vollkommen
ausgeglichen und hätte sich fest im Griff, doch diese Selbstbeherrschung kaschiert lediglich eine
tiefe seelische Verwundung.“17
Die dramatische Frage lautet: Wird Gittes seine Verwundung, hervorgerufen durch die Ereignisse in
Chinatown überwinden und verhindern, dass ihm dieselben Fehler noch einmal widerfahren? Mrs. Mulwray,
die Gittes mit einer Klage droht, überbringt den Ruf des Abenteuers.
Gittes wurde instrumentalisiert und sieht sich gezwungen, schon seiner Berufsehre wegen, für Aufklärung
zu sorgen:
„I´m just trying to make a living, and I don`t want to
become a local joke“18.
Die Synthese aus innerem und äußerem Konflikt bildet nicht nur die Basis für das Handlungsgeschehen,
sondern konstituiert auch die Zielstrebigkeit Gittes, die keine Weigerung, dem Ruf zu folgen, zulässt.
Das Überschreiten der ersten Schwelle, das Fahnden nach seinen Gegnern, geschieht ohne die vorherige
Begegnung mit einem Mentor. Gittes trifft auf seine Antagonisten (Mulvihill und dessen Begleiter), als
er Nachforschungen im Reservat anstellt:
„Next time you lose the whole thing, kitty
cat.“19
Das Vordringen zur tiefsten Höhle ist bestimmt durch Gittes Fragen an Mrs. Mulwray, die nur nach und nach
ihr Wissen preisgibt, die wichtigsten Informationen jedoch weiterhin unterschlägt. Gittes sucht Noah
Cross auf. Er befindet sich in der tiefsten Höhle, am zentralen Punkt seiner Reise.
Der Schauplatz der entscheidenden Prüfung ist das Seniorenheim. Gittes und Mrs. Mulwray werden erkannt
und von Palmer, Mulvihill und dessen Begleitern gestellt. Nur durch Mrs. Mulwrays Eingreifen können die
beiden entkommen. Es folgt die Station der Belohnung. Vogler verweist darauf, dass als Belohnung des
Helden eine Liebesszene angesetzt werden kann20. So auch in Chinatown. Mrs.Mulwray
gewinnt als Gittes Verbündete und ständige Begleiterin dessen Vertrauen. Er erzählt über die
Geschehnisse in Chinatown. Doch die Liebesnacht wird durch einen Anruf unterbrochen. Mrs. Mulwray bricht
hastig auf und bittet Gittes, ihr nicht zu folgen. Sie warnt ihn vor ihrem Vater:
„You may think you know what´s going on, but you
don`t.“21
Gittes befindet sich auf dem Rückweg, er entscheidet sich, sein Ziel weiterzuverfolgen. Die folgenden
Szenen sind geprägt von Rückschlägen für Gittes. Er wird mehrfach unter Druck gesetzt und auf die Probe
gestellt: Das elfte Stadium seiner Reise, die Auferstehung, spielt in Chinatown. Die
Schlusssequenz ist die Folge von Gittes Fehlplanungen und seiner Unzulänglichkeit.
„Ehe der Held die gewohnte Welt wieder betreten darf, hat
er ein letztes läuterndes Fegefeuer zu durchstehen.“22
Gittes muss die schmerzliche Erfahrung machen, dass er ein weiteres Mal in seinem Leben den Einfluss der
Reichen und die Macht der Korruption unterschätzt und somit den Tod einer Frau verschuldet hat. Innerer
und äußerer Konflikt zeigen sich als unauflöslich.
Das zwölfte Stadium, die Rückkehr mit dem Elixier, scheint zu entfallen. Doch Voglers Heldenreise umfasst
neben dem klassischen Helden in einem kurzen Abriss auch die Rolle des tragischen Helden, dessen Elixier
die Erkenntnis seiner Mangelhaftigkeit ist23. Die zwölf Stationen der Reise des Helden sind
als Beschreibungsmodell des dramaturgischen Aufbaus Chinatowns in sich schlüssig anzuwenden, so
wie sich an dieser Stelle eine ebenso stichhaltige Analyse der Handlung und der Rollenverteilung vor dem
Hintergrund des Film noir anfertigen ließe: Der Detektiv als Antiheld, die Verzahnung von Verbrechen,
Politik, Erotik und Perversion, die Last der Vergangenheit, das Streben nach beruflicher und sozialer
Rehabilitierung, die Ohnmacht gegenüber der Korruption. Der Vorteil einer genrespezifischen
Analysevorgabe liegt dabei in der dem Prozess immanenten Möglichkeit der Kategorisierung der Handlung in
konstitutive Elemente und der Verbildlichung in der Ästhetik des Film noir, die einen methodischen
Mehrwert darstellt. Diesem Mehrwert ermangelt es der Odyssee des Drehbuchschreibers, deren
Vorteil die Universalität der Anwendung ist.
Der Film noir - keine Heldenreise
Jake J. Gittes ist als scheiternder Privatdetektiv der Stereotyp des Antihelden im Film noir. Er sieht
sich einem Verbrechen gegenübergestellt, gegen das er keine Handhabe hat. Erfolglos kämpft er gegen die
Verquickung von Politik und Verbrechen, von Familie und Perversion an. Dem Versuch beruflicher
Rehabilitierung folgt ein unlösbares moralisches Dilemma.
„Psychologische Irritation tritt an die Stelle sozialer
Orientierung.“24
Der Film noir hat ein strenges dramaturgisches Konzept, sodass die Determinante in der Konstruktion von
Heldenfiguren im Film Noir von größerer Bedeutung für den Fortgang des Geschehens ist als die Reise des
Helden.
Der Mythos des Aufklärens wird durch die komplexen, von Verbrechen geprägten Handlungsstränge gebrochen.
Die Reise des Helden im Film noir ist eine Reise des persönlichen Scheiterns: Die Suche nach der
Wahrheit in einer stetig komplexer werdenden Realität erweist sich als fatal. Der Aufklärer selbst wird
instrumentalisiert. So ist es Gittes selbst, der Noah Cross den Weg zu dessen Töchtern bahnt. Sein Ziel,
aufzuklären, wird zu seinem Verhängnis. Er wird Wegbereiter für weitere Verbrechen. Im Gegensatz zu den
scheinbar allmächtigen Helden des traditionellen amerikanischen Spielfilms befindet sich der Held im
Film Noir in einem steten Kampf gegen Gegner, derer er nicht habhaft werden kann. Zumeist steht er einer
unsichtbaren Macht- und Gewaltmechanik gegenüber. Unabhängig von der Konfrontation des Helden mit den
Folgen dieser korrupten und korrumpierenden Mechanik und dem zum Scheitern verurteilten Versuch, diese
Missstände aufzudecken, ist der Held doch auch Teil dieses Systems. So hetzt er als Zeuge unabwendbarer
Schrecken machtlos durch den Film und nimmt den Zuschauer mit auf eine Reise in das Herz der
Finsternis25, in ein Panoptikum des ungelebten Lebens.
Die Kraft des Gesetzes und der Aufklärung versagt. Unausweichlich ist das Scheitern der edelsten
Absichten im Angesicht eines entpersonalisierten, verschachtelten und unauflösbaren Systems der Macht
und der Angst, in dem jeder jederzeit austauschbar ist. Der Film noir ist grundlegend geprägt durch die
gesellschaftlichen Veränderungen im Amerika der 40er und frühen 50er-Jahre. So hatte die große
Depression nicht nur materielle Folgen für Amerikas Bürger:
„Sie erschütterte auch die Grundfesten des nationalen
Selbstverständnisses, den Glauben an Selbstverantwortung und Selbstbestimmtheit des Individuums, an
die aktive Beherrschung der Welt und an die heilende Kraft des Kapitalismus.“ 26
Im Gegensatz zu dem Gangsterfilm der 30er-Jahre lässt sich an dem Film noir jedoch keine direkte
Sozialkritik festmachen.27 Von Bedeutung ist in der „Schwarzen Serie“ viel mehr die
Auseinandersetzung mit dem Verfall bürgerlicher Werte und mit dem moralischen Dilemma des ambiguinen
Individuums im Spannungsfeld von Korruption und Erotik. Die Helden des Film noir unterscheiden sich
entscheidend von denen der Jahre zuvor, die zwar soziale Missstände ansprachen, aber das Bild
aufrechterhielten, dass der Einzelne bemächtigt sei, auf diese aufmerksam zu machen und sie zu beheben.
Der Held des Film noir scheitert in dem Bestreben, Unrecht aufzudecken und es zu beseitigen. Sein
Handlungseinfluss ist begrenzt. Für den Film noir typisch ist zudem die Aufhebung klar definierter
Entscheidungsmöglichkeiten zwischen Gut und Böse, eine Folge des undurchschaubaren Geflechts aus Zweitem
Weltkriegs, Nachkriegsproblematik, Kaltem Krieg, hetzerischem Antikommunismus und aufblühendem
Neokonservatismus.28 Die Ausprägungen der Heldenrolle im Film noir sind determiniert durch
genau diese kulturellen Bedingungen im Amerika der 40er und frühen 50er-Jahre und finden ihren Fortgang
in den Filmen des Neo-Noir.
Fazit
Hauptkritikpunkt an Voglers Vorgehen ist, dass Campbells Monomytos als strukturrelevant aufgezeigt,
jedoch nicht methodisch aufgearbeitet wird. Vogler fertigt ein Beschreibungsmodell an und kennzeichnet
dieses als kreative Methodik für das Verfassen von Drehbüchern. Er reduziert die Erkenntnisse Campbells
auf einen bloßen Motivkatalog und bittet den Leser, aus den aufgezeigten Charakterzügen und
Wegabschnitten zu wählen. Das Fehlen einer strukturellen und ästhetischen Manifestation bedingt eine
Motivhascherei. Dem Monomytos ist immanent, dass er sich wandelt, auch wenn er im Kern determiniert ist.
Er speist sich aus Vergangenheit und Gegenwart, lässt sich als Beschreibungsmodell stets anwenden und
umfasst kulturell determinierte Ausprägung dramaturgischer Muster. Dennoch: Als Ratgeber für das
Verfassen von Drehbüchern greift er zu kurz. Denn die Beschreibung des Monomytos in all seinen
kulturellen, zeitgeschichtlichen und geografischen Ausformung ist unmöglich, für den dramaturgischen
Aufbau eines Films unserer Zeit aber unverzichtbar. Die Odyssee des Drehbuchschreibers erhebt
nicht den Anspruch, ein Lehrbuch für das Drehbuchschreiben zu sein.
Deklariert jedoch ihre inhaltliche Bewandtnis: „Es ging mir darum, die Verbindung zwischen diesen Ideen
und dem zeitgenössischen Geschichtenerzählen herzustellen, in der Hoffnung, eine praktische Anleitung
könnte zu jenen kostbaren Gaben hinführen, die in der tiefsten Vergangenheit wie auch in unserem
innersten Selbst verborgen sind.“29 Doch gerade in dem Bestreben, Drehbuchautoren die
mythologischen Grundmuster des amerikanischen Erfolgskinos aufzuzeigen, liegt ein weiterer Kritikpunkt,
vorrangig in Hinblick auf den Film noir, der gerade die für die amerikanische Gesellschaft grundlegende
Mythen stilisiert und zur Diskussion stellt30. Der Film noir tritt dem American Dream nicht
nur als Antithese gegenüber:
„Der Film noir hintertreibt diesen Nationalmythos: Er
dreht dessen Moralität um, er hebt diese als Kategorie auf. Soziales Bemühen und sozialer Erfolg
bedeuten ihm einfach nichts.“31
Der Antiheld des Film noir ist ein Besonderer: „Er stellt Charaktere dar und liefert keine biografischen
Abrisse. Sein Antiheld ist kein sozialer Typus, er steht für nichts als sich selbst.“32 Auch
wenn dieser durch den Archetypen des Antihelden33 bei Vogler rudimentär erfasst werden kann,
so fehlt die Anleitung für die genrespezifische Charakterzeichnung und der Hinweis auf die Bedeutung
eines phylogenetischen Potenzials. Wichtig in diesem Zusammenhang scheint es, dass „nicht die einzelnen
Bilder und Mythen, sondern der Drang des Individuums, gleichbleibende Vorstellungen im Zusammenhang mit
einem bestimmten Thema zu entwickeln“34 vererbt werden. Dem gerecht zu werden, erfordert eine
bestimmende Flexibilität. Der Genrefilm muss in seinen Notwendigkeiten ausgewiesen werden. Doch trotz
ihres Anspruches, universell zu sein, untersucht die Odyssee des Drehbuchschreibers die
Spezifika des Genrefilms nicht.
Auch wenn Vogler die möglichen Abweichungen von Definitionsmerkmalen aufzeigt, stellt er den Bruch mit
traditionellen Rollenvorgaben und Irritationen der Erzählstruktur nicht als dramaturgische Mittel vor.
Bezüglich dieses Kritikpunktes sichert sich Vogler immer wieder ab, indem er die Möglichkeit einer
Abweichung von seinem Modell als eine diesem immanente und zugleich höchst individuelle Bezugsgröße
darstellt:
„Ich werde hier den Mythos vom Helden auf meine Art
wiedererzählen, und Sie sollten sich die Freiheit nehmen, damit in gleicher Weise zu verfahren.
Geschichtenerzähler haben die mythischen Modelle seit jeher so adaptiert, dass sie sich ihren
eigenen Absichten fügten und mit den Bedürfnissen ihrer jeweiligen Kultur
übereinstimmten.“35
Die Odyssee des Drehbuchschreibers soll nicht die Funktion eines strukturellen Instruments für
das Drehbuchschreiben übernehmen, dient aber auch der inhaltlichen Anweisung nur unzureichend, da sie
mögliche Handlungsfelder und Verhaltensweisen nur absteckt und nicht ausreichend dramaturgisch
differenziert. Das erscheint aufgrund der Vielzahl von Genres auch nicht als leistbar, hat aber zu
Folge, dass die Odyssee des Drehbuchschreibers nur als dramaturgisches Analyseinstrument und
nicht als praktische Anleitung für das Drehbuchschreiben gelten kann.
Der Nutzen im Vergleich zu dem Werk Joseph Campbells liegt scheinbar ausschließlich darin, dass dessen
strukturalistische Analyse des Aufbaus aller Heldenmythologien vereinfacht dargestellt, mit Beispielen
aus dem amerikanischen Erfolgskino untermauert und so als Populärliteratur für jedermann zugänglich
gemacht wird, wohingegen Der Heros in tausend Gestalten als wissenschaftliche Fachliteratur
höhere Ansprüche an seine Leser stellt und zugleich ein analytisch aus der Erzählforschung hergeleitetes
Wissen vermittelt.
Literaturverzeichnis
Campbell, Joseph: Der Heros in tausend Gestalten, 1. Aufl., Frankfurt am Main / Leipzig:
Insel Taschenbuch 1999, dt. Erstausgabe: 1953.
Conrad, Joseph: Herz der Finsternis, München: Manesse 2007, engl. Erstveröffenlichung:
Blackwood's Magazine 1899, dt. Erstausgabe: 1926.
Jung, C. G.: Symbole und Traumdeutung. Ein erster Zugang zum Unbewussten, Zürich /
Düsseldorf: Walter 1998, Originalausg. erschien u.d.T.: "Man and his symbols" (1964).
Krutnik, Frank: In a Lonely Street. Film noir, Genre, Masculinity, London / New York:
Routledge 1991.
Röll, Franz Josef: Mythen und Symbole in populären Medien. Der wahrnehmungsorientierte Ansatz in
der Medienpädagogik, Frankfurt am Main: Gemeinschaftswerk der Evang. Publizistik 1998.
Steinbauer-Grötsch, Barbara: Die lange Nacht der Schatten: Film noir und Filmexil, Berlin:
Bertz 1997.
Telotte, J.P.: Voice In The Dark. The Narrative Patterns of Film Noir, Illinois: University
of Illinois Press 1989.
Towne, Robert: Chinatown, London: Faber and Faber 1998.
Seesslen, Georg: Detektive. Mord im Kino, Marburg: Schüren 1998.
Silver, Alian / Ursini, James: Film noir, Köln: Taschen 2004.
Vogler, Christopher: Die Odyssee des Drehbuchschreibers. Über die mythologischen Grundmuster des
amerikanischen Erfolgskinos, 2. Aufl., Frankfurt am Main: Zweitausendeins 1998.
Werner, Paul: Film noir. Die Schattenspiele der »schwarzen Serie«, Frankfurt am Main:
Fischer Taschenbuch Verlag 1985.
1Joseph Campbell: Der Heros in tausend Gestalten, 1. Aufl., Frankfurt am Main / Leipzig:
Insel Taschenbuch 1999.
2Christopher Vogler: Die Odyssee des Drehbuchschreibers. Über die mythologischen Grundmuster des
amerikanischen Erfolgskinos, 2. Aufl., Frankfurt am Main: Zeitausendeins 1998.
3Ebd., S. 167.
4Ebd.
5„Es kann sich um ein Ereigniss, zum Beispiel eine Kriegserklärung, handeln, oder einem Telegramm ist
zu entnehmen, dass daß die Verbrecher soeben aus dem Gefängnis entlassen wurden und mit dem
Mittagszug die Stadt erreichen, um sich am Sheriff zu rächen, der sie einst verhaftet hatte. Wenn in
der Geschichte Gerichtsverfahren oder Prozesse eine Rolle spielen, kann die Aufforderung zum
Abenteuer auch in Form einer Verfügung, einer Vorladung oder eines Haftbefehls ergehen.“, Ebd., S.
190.
6Ebd., S. 190.
7Ebd., S. 217.
8„Die entscheidende Prüfung ist gewissermaßen der wichtigste Knotenpunkt einer Geschichte. Viele
Fäden der Geschichte des Helden führen zu diesem Punkt, und Fäden, nämlich Möglichkeiten und
Verwandlungen, gehen von diesem Knotenpunkt aus.“, Ebd., S. 276.
9Ebd., S. 325.
10„Damit die Geschichte wirklich rundum befriedigt, braucht das Publikum nun noch ein zusätzliches
Erlebnis von Tod und Wiedergeburt, das der entscheidenden Prüfung ähnelt. Der Unterschied liegt im
wesentlichen darin, daß wir es hier nicht mit einer Krise, sondern mit der Klimax, der letzten und
gefährlichsten Begegnung mit dem Tod, zu tun haben.“, Ebd., S. 335.
11Das Elixier ist die Errungenschaft der Reise. Der Begriff des Elixier kann einen sozialen Aufstieg,
wertvolle Güter, magische Kräfte oder wichtige Erkenntnisse umfassen.
12Ebd., S. 361.
13Paul Schrader: „Notes On Film Noir.“ In: Film. Comments, No.1, New York: 1972, S. 464.
Zitiert nach: Werner: Film noir. Die Schattenspiele der »schwarzen Serie«, Frankfurt am
Main: Fischer Taschenbuch Verlag 1989, S.20.
14Werner: Film noir, S. 11.
15Vogler: Odyssee, S. 169, „Die handlungsrelevanten Fragen können viel dazu beitragen, das
Geschehen voranzutreiben, aber es sind die dramatischen Fragen, die die Zuschauer wirklich fesseln
und sie zu Mitwissern der Gefühlswelt ihrer Helden machen.“, Ebd., s. 170.
16Robert Towne: Chinatown, London: Faber and Faber 1998, S. 5: „you gotta be rich to kill
somebody, anybody and get away with it“.
17Vogler: Odyssee, S. 178.
18Towne: Chinatown, S. 34.
19Ebd., S. 52.
20Vgl. Vogler: Odyssee, S. 309.
21Towne: Chinatown, S. 108.
22Vogler: Odyssee, S. 335.
23Vgl. „Durch Schaden klug geworden“, Ebd., S. 374.
24Werner: Film noir, S. 15.
25Vgl. Joseph Cornrads Novelle Herz der Finsternis, München: Manesse 2007, dt. Erstausgabe:
1926, der sich in ähnlicher Weise mit der „Unfassbarkeit“ des Verbrechens beschäftigt.
26Barbara Steinbauer-Grötsch: Die lange Nacht der Schatten: Film noir und Filmexil, Berlin:
Bertz 1997, S. 16.
27Werner: Film noir, S. 23.
28Ebd, S. 24.
29Vogler: Odyssee, S. 9.
30Werner: Film noir, S. 15.
31Ebd.
32Ebd., S. 16.
33Vgl. „Antihelden“, Vogler: Odyssee, S. 97.
34Franz Josef Röll: Mythen und Symbole in populären Medien. Der wahrnehmungsorientierte Ansatz in
der Medienpädagogik, Frankfurt am Main: Gemeinschaftswerk der Evang. Publizistik 1998, S.
101.
35Vogler: Odyssee, S. 53.