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Rijkswaterstaat II: De Biesbosch – Wassermanagement / the Line Crossers

In einem ersten Teil haben wir uns mit der historischen Entwicklung von Rijkswaterstaat seit deren Gründung im Jahr 1798 beschäftigt. Rijkswaterstaat hat sich seit dieser Zeit zu der mächtigsten Behörde des niederländischen Ministeriums für Infrastruktur und Umwelt entwickelt und wird oft auch als eine „core component of Dutch national identity“ begriffen, zuständig für die „wet and the dry functions“ des Landes, also für das Wassermanagement und für Verkehrsinfrastrukturprojekte (Goverde 2021: 334).

Gleichzeitig wurde immer wieder Kritik an der technokratischen und nicht selten undemokratischen Ausrichtung der Behörde laut, die auf die unterschiedlichen gesellschaftlichen Interessengruppen bei der Umsetzung der eigenen Pläne keine oder zumindest kaum Rücksicht nahm. Einerseits wurden so die monumentalen Bauten im Rahmen des Deltawerke-Projekts zwar als Schutz gegen Flutkatastrophen gefeiert, andererseits wurde Rijkswaterstaat aber auch zunehmend als Staat im Staat begriffen und im Rahmen einer erstarkenden Umweltbewegung in den Niederlande zu einer Neuausrichtung gedrängt.

Nach der großen Flutkatastrophe von 1953 spielten Umweltüberlegungen allerdings noch keine Rolle bei der Planung eines gigantischen Schutzwalles gegen das Meer. Bereits 20 Tage nach der Nordsee-Sturmflut in der Nacht vom 31. Januar auf den 1. Februar 1953 wurde eine Deltakommission unter der Leitung von Rijkswaterstaat gegründet. Die Kommission sollte einen Plan erarbeiten, um 1. den Hochwasserschutz dauerhaft zu verbessern und 2. eine zu starke Versalzung des Bodens und der Gewässer zu verhindern, um die Wasserversorgung der Bevölkerung sowie den Bedarf für Transport, Industrie und Landwirtschaft sicherzustellen.

Zwischen den 1960er und 1970er-Jahren wurden so nicht nur Wasserstraßen wie der Niederrhein kanalisiert, sondern auch zahlreiche Mündungsarme der großen Flüsse komplett eingedeicht. Bis 1971 entstanden im Zuge dessen zahlreiche Wehre und Dämme zur Nordsee und im Inneren des Landes. Unter anderem:

  • Sperrwerk Holländische IJssel (1958), um die dichtbewohnte Randstad zu schützen
  • Zandkreekdam (1960) und Veerse Gatdam (1961), wodurch das Veerse Meer entstand
  • Grevelingendam (1965), nicht nur zum Schutz gegen die Nordsee, sondern als unterstützendes Bauwerk, um den Haringvlietdam (1956–72), den Brouwersdam und die Oosterschelde-Sturmflutwehr errichten zu können
  • Haringvlietdam (1971), der das Haringvliet eindeichte (der breiteste Mündungsarm des Rheins, der Nieuwe Merwede und der Maas nach ihrem Zusammenfluss über das Haringvliet in die Nordsee)
  • Brouwersdam (1971), der das Brouwershavense Gat abschließt und zusammen mit dem Grevelingendam bei Brunisse das Grevelingenmeer entstehen ließ
Übersichtskarte der Deltawerke.
Quelle: http://www.deltawerken.com/Deltawerke/557.html

Spätestens mit der Eindeichung des Haringvliets kann Rijkswaterstaat als „the ruler of the delta“ (Lintsen 2002: 565) bezeichnet werden.

Aber das Delta-Projekt blieb nicht unumstritten.

The Delta project revealed a paradox: on the one hand it greatly improved the accessibility of the former isolated islands, and led to a booming development of water sports and water-related recreation facilities. On the other hand the unique estuarine gradients and ecological zoning patterns were annihilated, and changed into non-resilient marine and freshwater compartments sealed off by large sea walls and locks (Nienhuis 2008: 269).

Spätestens mit der Eindeichung des Haringvliet traten aber auch die Konsequenzen für die Umwelt immer deutlicher in den gesellschaftlichen Fokus. Das einst marine bis brackische Ökosystem ging verloren, da die Gezeiten entfielen und es so nicht mehr zu einem Salz-Süßwasseraustausch kam. Das Haringvliet wurde zu einem reinen Süßwassergewässer. Auf Flora, Fauna und die Wasserqualität hatte dies erhebliche Auswirkungen. So veränderte sich beispielsweise das einstig undurchdringliche Sumpfgebiet „de Biesbosch“ nachhaltig. Viele Fischarten verschwanden, der Schilfgürtel ging ohne regelmäßige Überflutungen stark zurück und Blaualgen vergifteten das Wasser, um nur einige der gravierenden Auswirkungen zu nennen.

Gegen die Pläne, die Oosterschelde wie das Haringvliet und das Zeeuwse Meer komplett einzudämmen, sodass ein reines Süßwassergewässer entstanden wäre, regte sich schnell großer öffentliche Widerstand aus Umweltschutzkreisen. Das Salz-Süßwassermilieu der Oosterschelde wäre auch noch verloren gewesen und damit ein sehr einzigartiges und empfindliches Ökosystem zerstört worden. Also wurde schließlich entschieden, 62 Spaltöffnungen von jeweils 40 Meter Breite in das Sturmflutwehr einzubauen, um einen Salzwasseraustausch zu gewährleisten und möglichst auch die Gezeiten so gut es geht aufrecht zu erhalten. Das Oosterscheldewehr wurde 1986 schließlich feierlich eingeweiht, eins der weltweit ganz großen Bauprojekte seiner Zeit. Aber trotz der Spaltöffnungen hat sich die Gezeitenwirkung deutlich reduziert und das Meerwasser weist hinter den Dämmen keine Strömung mehr auf und wurde süßer.

Gebiete, die zuvor durch das Wasser geflutet wurden, sind ausgetrocknet, und Orte, die bei Ebbe austrockneten, stehen nun dauerhaft unter Wasser. Kanäle und Bäche sind verstopft und Sandbänke abgetragen. Salzwasserfische sind verschwunden und eine Reihe von Vogelarten weggezogen. Dafür haben sich andere Arten angesiedelt (https://watersnoodmuseum.nl/de/wissensdatenbank/nach-den-deltawerken/).

Mittlerweile hat insgesamt ein Umdenken Einzug gehalten und auch das Haringvliet wird seit 2018 über Fluttore spaltweise geöffnet und das heutige Naturschutzgebiet De Biesbosch kann sich als Brackwasserbiotop gegebenenfalls nachhaltig erholen.

De Biesbosch

De Biesbosch ist seit 1994 zum Nationalpark erklärt worden und gilt heute wieder als eins der wenigen Süßwasser-Gezeitengebiete der Welt, auch wenn die Spaltöffnungen im Harigvliet längst nicht den früher vorhandenen Gezeitenstrom und Wasseraustausch gewährleisten können.

Wir möchten uns im Folgenden mit dieser faszinierenden und in einem so hoch industrialisierten und dicht besiedelten Land wie die Niederlande wohl einzigartigen Wasserlandschaft näher beschäftigen. Der Biesbosch wird im Norden von der Nieuwe Mervede (Fortsetzung der Waal) und im Süden von der Amer (unterste Teilstück der Maas) umschlossen und liegt großen Teils im Mündungswinkel der beiden Flüsse, bevor diese sich heute zum Hollands Diep vereinigen.

Noch im Mittelalter war die Region bekannt als die Groote oder Hollandse Waard, ein großes Polder- und fruchtbares Weidegebiet, das intensiv für Landwirtschaft, Torf- und Salzgewinnung genutzt wurde. Die Gewinnung von Salz aus salzgesättigtem Torf („selnering“) war zwar schon zurzeit der Römer als Teil der damaligen Provinz Germania Inferior (1. bis frühe 5. Jh.) bekannt, wurde aber erst im späteren Mittelalter ein professionell genutzter Wirtschaftszweig für größere Teile der dort heimischen Bevölkerung.

Die nachfolgende Karte zeigt die ungefähre Ausdehnung der Groote Waard, wie sie noch vor der verheerenden zweiten St. Elisabethenflut von 1421 existierte.

Groote oder Hollandse Waard vor der St. Elisabethflut.
Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Groote_Waard.jpg
A.A. Beekman & R. Schuiling, Public domain, via Wikimedia Commons

Der heutige Biesbosch war als westlicher Teil des „Land van Heusden en Altene“ ebenfalls fruchtbares Weideland.

Die Elisabethenflut war aber nicht einfach nur eine Naturkatastrophe großen Ausmaßes. Die gravierenden Auswirkungen dieser Flut hatten zumindest teilweise hausgemachte Ursachen. Wie schon angesprochen, wurde ab dem späten Mittelalter die Salzgewinnung aus Torf ein lukrativer Handelszweig und zu einem professionellen Business ausgebaut. Die gestochenen Torfklumpen wurden dabei getrocknet und zu Asche verbrannt. Anschließend wurden die Reste (der „sel“) zu den Salinen an der Küste gebracht, mit Meerwasser vermischt und zu reiner Sole weiterverarbeitet. Je mehr Torfland abgegraben wurde, desto tiefer konnte das Meerwasser ins Landesinnere vordringen und desto mehr Torf wurde mit Salz gesättigt und zu einer wertvollen Ressource, die abgebaut wurde. Dadurch stieg aber auch die Überflutungsgefahr für die Polder deutlich (Nienhuis 2008: 76).

The removal of the protecting peat barrier on the seaward side of the levees surrounding the gained polders, however, increased the potential danger of being flooded by the sea (Nienhuis 2008: 76).

Der Polder Groote Waard wurde im 12. und 13. Jh. nach und nach eingedämmt. Ein Prozess, der mit dem Bau kleiner ländlicher Siedlungen auf natürlichen Erhebungen und Deichen entlang der Hauptflüsse startete. Erdwälle und Deiche mussten immer weiter ausgebaut und das gewonnene Land großflächig entwässert werden. Dies führte allerdings auch zu einer Verdichtung und Absenkung des Landes, was die Gefahr für Überschwemmungen vom Meer oder den Flüssen ausgehend ebenfalls deutlich erhöhte.

Die Elisabethenflut vom 18./ 19. November 1421 war zwar nicht die erste große Flut in der Region und auch nicht die letzte, aber es war eine Flut mit verheerenden Folgen, die sich auch bis heute tief in das kulturelle Gedächtnis der Bewohner eingegraben hat. Es handelte sich hierbei um eine sehr hohe Sturmflut, die auf bereits ebenfalls hohe Wasserstände der Flüsse traf, auch dort zu Deichbrüchen führte und große Teile der Groote Waard überflutete. Die Flut schlug einen großen Meeresarm zwischen Süd-Holland und Zeeland und trennte diese Gebiete dauerhaft. Dordrecht, eine schon lange bedeutsame Stadt, die bereits 1220 seine Stadtrechte erhielt und das Stapelrecht besaß, wurde zu einer Insel.

The drama of 1421 cast its shadow before: subsiding of the embanked grounds which made them vulnerable for inundation, insufficiently maintained dykes not capable to protect the land, sea-level rise and exploitation of the vast peat areas in the SW Delta resulting in progressive attacks of storm floods from the sea. The entire polder Grote Waard was inundated in 1421, comprising a vast area of land of 400 km2 east of Dordrecht, including the greater part of the present Biesbosch (…) and the Land van Heusden en Altena (Nienhuis 2008: 77).

Freie Übersetzung: Karte der ertrunkenen Zuid-Hollandse Waard, die zum Bereich der Kommissare für die Ausweisung der Grenzen der Fischerei des Grafen von Holland und des Prinzen von Oranien gehört | Pieter Sluyters berühmte Karte zeigt, was von der Groote oder Zuid-Hollandse Waard übrig geblieben ist, nachdem die St. Elisabethenflut verheerende Schäden angerichtet hatte. Es war ein Binnenmeer entstanden, in dem Dordrecht dank seiner Stadtmauern als Insel überleben konnte. In der oberen rechten Ecke ist Gorinchem, schräg rechts unterhalb der Kompassrose Geertruidenberg und in der unteren linken Ecke – neben der Ankündigung, dass die Karte 1560 erstellt wurde – ist Zevenbergen.
O-Ton: Kaart van den verdronken Zuid-Hollandse Waard, behorende bij het verbaal van commissarissen tot de designatie van de limieten der visserijen van de grafelijkheid van Holland en de Prins van Oranje | De beroemde kaart van Pieter Sluyter laat zien wat er van de Groote of Zuid-Hollandse Waard overbleef nadat de Sint-Elisabethsvloed had huisgehouden. Er was een binnenzee ontstaan, waarin Dordrecht dankzij zijn stadsmuren als een eilandje had weten stand te houden. In de rechter bovenhoek ligt Gorinchem, schuin rechts onder de windroos Geertruidenberg en in de linker benedenhoek – naast de mededeling dat de kaart is gemaakt in 1560 – ligt Zevenbergen. | datering: 1560 | vervaardiger: Pieter Sluyter | gegevens : Hingman nr 1895a, afm. 1.22 x 0.90 m
Quelle: https://www.regionaalarchiefdordrecht.nl/achtergronden/historische-atlas-van-de-biesbosch/

Die Groote Waard war für lange Zeit verloren und sollte auch nie wieder die frühere Gestalt annehmen. So zogen sich beispielsweise große Wassermassen, die bis hinter Dordrecht ins Land eindringen konnten, nie wieder zurück. Es gilt allerdings als eine Legende, dass diese Flut den Biesbosch in einer Nacht geformt hat. Dies war vielmehr ein jahrzehntelanger Prozess (http://www.deltawerken.com/St.-Elizabeths-Flut-(1404,-1421)/564.html).

Wie viele kleinere und größere Dörfer betroffen waren und wie viele Menschen ihr Leben ließen, ist nicht gut dokumentiert. Die größeren Dörfer hatten in der Regel eine Getreidemühle, eine Kirche aus Backstein und von Schilfrohr gedeckte Wohnhäuser aus Holz. Mindestens 28 größere Dörfer sollen untergegangen sein. Nachfolgende Fluten rissen den Polder weiter auseinander, sodass dieser in folgenden Jahrzehnten aufgegeben wurde.

Foreign tradesmen visiting Dordrecht around 1500 mentioned in their travel records the drowned land with the church steeples rising above the water level (Nienhuis 2008: 246).

Bis Ende des 15. Jh. konnte der östliche Teil wieder besser gegen Fluten über Deiche geschützt werden und wurde bis zum 17. Jh. wieder eingedämmt und wird Land van Heusden en Altena genannt. Der westliche Teil der Groote Waard wurde für die Landgewinnung dagegen dauerhaft aufgegeben.

The western part of the Grote Waard was abandoned to the sea and the rivers; this area is now called the Biesbosch, until 1970 the largest freshwater tidal area of Europe (Nienhuis 2008: 246).

Insgesamt geben die Dokumente wenig genaue Hinweise darauf, was die Flut von 1421 tatsächlich an Menschenleben gekostet und welche Schäden sie angerichtet hat. Es kann davon ausgegangen werden, dass schon Jahrzehnte vor dieser großen Flut die Sicherung des Polders sträflich vernachlässigt wurde, da Rivalitäten zwischen den Landbesitzern die konsequente Deichsicherung verhinderte und der lukrative Abbau des umgebenden und schützenden Torfs im Vordergrund standen.

The downfall of the embanked polder has now been visualised as a gradual process, in which one village after another was made uninhabitable by flooding because of the failure to restore the dykes. The St. Elizabeth’s flood was only the finishing stroke for the once prosperous polder (Nienhuis 2008: 246).

Es folgten weitere große Flutkatastrophen, wie beispielsweise die Allerheiligenflut von 1570, auf die hier nicht im Einzelnen eingegangen werden kann (siehe dazu Nienhuis 2008: 247-253).

Die Wende – die Flut von 1953

Die Flutkatastrophe von 1953 markiert einen gravierenden Wendepunkt in der Geschichte des Hochwasserschutzes in den Niederlanden. Über 1800 Menschen verloren ihr Leben und der materielle Schaden dieser Springflut war gigantisch.

Die Entscheidung, eine dauerhafte stabile Mauer oder Festung gegen das Meer zu errichten, war hinsichtlich dieser Katastrophe und früherer/ zukünftiger Bedrohungen durch das Wasser nur allzu verständlich. In den 60er und 70er-Jahren wurden konsequenterweise fast alle Mündungsarme der großen Flüsse abgeschlossen und 1986 wurden die Sturmflutwehre der Osterscheldemündung fertiggestellt. Ökologische Folgen dieses massiven Eingriffes in die einzigartige Flora und Fauna der Mündungsgebiete spielten dabei keine Rolle.

1971 wurde im Rahmen des Deltaplans der Haringvlietdam fertiggestellt. Das Haringvliet, eine einstiege Meeresbucht der Nordsee wurde dadurch zu einem Binnen- und Süßwassergewässer und das brakische bis maritime Ökosystem ging verloren.

Lage des Haringvliets.
Quelle: Openstreetmap.org + inoue-hiro, CC BY-SA 2.0 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0, via Wikimedia Commons

Insbesondere der Biesbosch im Mündungswinkel von Rhein und Maas war davon stark betroffen, da die Gezeiten entfielen und das Wasser aussüßte. Der Schilfgürtel ging verloren und zahlreiche vom Meereswasser abhängige Pflanzen und Tiere starben aus (http://www.deltawerken.com/Die-Natur/624.html). Auch die Wasserqualität nahm deutlich ab und es kam unter anderem immer häufiger zu einer Blaualgenverseuchung.

An der Oosterschelde wurde dieser Fehler schon nicht mehr gemacht, da dort Sturmflutwehre eingebaut wurden, die nur bei Hochwasser geschlossen werden und ansonsten geöffnet sind, sodass zumindest eine moderate Gezeitenwirkung zugelassen wird.

Im Haringvliet wurden Anfang der 1990er-Jahre Untersuchungen eingeleitet, wie ggf. über das Öffnen von Fluttoren wieder deltatypischere Bedingungen für das Ökosystem geschaffen werden können. Bis zur endgültigen Entscheidung zog sich das Verfahren über Jahre hin und bis zur endgültigen Umsetzung dauerte es fast drei Jahrzehnte. Das Problem lag unter anderem darin, dass die bis dahin gebaute Süßwasserinfrastruktur wieder an eine Rückkehr der Gezeiten angepasst werden und vor allem auch die intensive Landwirtschaft sich umstellen musste.

2003 entschloss sich das Kabinett aber dennoch für eine Spalt-Lösung und seit 2018 dann endlich werden die Fluttore bei auflaufender Flut spaltbreit geöffnet, sodass ein Übergangsgebiet von Saltz- und Süßwasser entstehen und sich die Wasserqualität deutlich verbessern kann.

Es halt also ein deutliches Umdenken im Umgang mit dem Wasser in den Niederlande stattgefunden. Vom Kampf gegen das Wasser ist dort spätestens seit den 90er-Jahren immer stärker von einem Leben mit dem Wasser die Rede und Pläne wie „Raum für den Fluss“, die sind schon ab 1995 in einer ersten Fassung ins Leben gerufen wurden, sprechen hier eine deutliche Sprache.

Kein Wunder also, dass die Niederlande bei den letzten Starkregenereignissen noch ziemlich glimpflich davon gekommen sind. Aber gerade die Niederlande sind sich auch sicher, dass die bisherigen Anstrengungen gegen Flutkatastrophen Angesicht der Bedrohung durch den Klimawandel nicht ausreichen werden und bereiten sich schon jetzt mit dem Deltaprogramm für das 21. Jahrhundert so gut es eben geht darauf vor (https://www.government.nl/topics/delta-programme).

Exkurs – Biesbosch-Crossing

Eine Episode in der Geschichte des Biesbosch soll nicht unerwähnt bleiben. Im zweiten Weltkrieg diente der Biesbosch mit seinem unwegsamen Gelände Unterschlupf für niederländisch Partisanen, die gegen die deutsche Besatzung ankämpften.

Besonders bekannt wurden die sogenannten Line-Crosser, eine Gruppe von Widerstandskämpfern, die mehrheitlich aus Werkendam stammten und in den letzten Monaten des 2. Weltkriegs eine Verbindung zwischen dem besetzten nördlichen und den befreiten südlichen Teilen der Niederlande über den Biesbosch aufrecht erhielten. Sie waren Teil einer größeren Widerstandsgruppe, die den Biesbosch nutzten, da die deutschen Truppen dieses Gelände mieden.

Über verschiedene Routen durch den Biesbosch hindurch wurden verstärkt ab Ende 1944 Menschen, Waren und Informationen transportiert und ausgetauscht, um die deutsche Besatzung zu unterlaufen.

Mehrere Monumente wurden den Line-Crossern gewidmet, das bekannteste steht in Werkendam:

Pvt pauline, CC BY-SA 3.0 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0, via Wikimedia Commons

Auch an der Brücke von St. Jan im Biesbosch ist eine Gedenktafel angebracht (diese befindet sich zwischen dem Spijkerboor im Osten und dem Middelste Gat van de Plomp im Westen). Die Brücke liegt nördlich von Geertruidenberg und wurde häufig von den Line-Crossern genutzt. Am Ende des Krieges versuchten einige deutsche Truppen, sich über den Biesbosch in die nördlichen Teile der Niederlande abzusetzen und nutzten dazu häufig diese Brücke. Die Widerstandsgruppen in der Region hinderten laut der Aufschrift 75 Überläufer an der Flucht und händigten diese den polnischen Alliierten aus.

Symbool van verzet, door Onderduikers, hun Helpers en Line-crossers. Punt van Ontwapening 75 vijandelijke soldaten door onderduikerscommando.

Symbol of resistance, by people in hiding, their Helpers and Line-crossers. Point of Disarmament 75 enemy soldiers by hiding command.

Aufschrift St. Jan Brücke

Biesbosch-Impressionen

Heute ist der Biesbosch eine einzigartige und faszinierende Wasserlandschaft, auch wenn sich das Ökosystem längst noch nicht von der kompletten Abschottung zur See in den 70er-Jahren erholt hat. Insbesondere in sehr warmen und sonnigen Sommern ist beispielsweise der Algenwuchs teilweise extrem ausgebreitet in kleineren Kanälen und Gats.

Der Biesbosch heute (aus dem Jahr 2015). Die drei zu sehenden Seen sind Rückhaltebecken zur Trinkwasserversorgung, die aus der Maas gespeist werden und unter anderem die Trinkwasserversorgung von Rotterdam unterstützen.
Quelle:Janwillemvanaalst, CC BY-SA 3.0 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0, via Wikimedia Commons

Das Gebiet lässt sich am besten mit dem Kanu erkunden, dann können auch für Motorfahrzeuge gespeerte Bereiche befahren werden.

Abschließend noch ein Paar Impressionen aus eigenen Touren in das Gebiet:

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Quellen und weiterführende Literatur

Goverde, H.
Rijkswaterstaat, on the horns of a dilemma
Journal of Political Power, 2012, 5, 333-351

Lintsen, H. W.
Two centuries of central water management in The Netherlands
Technology and Culture, 2002, 43, 549-568

Nienhuis, P. H.
Environmental History of the Rhine-Meuse Delta. An ecological story on evolving human-environmental relations coping with climate change and sea-level rise. Springer Netherlands, 2008

van der Ham, W.
De Grote Waard, geschiedenis van een Hollands landschap
Nederlands, 2003

van den Hoek, P.
Biesbosch-crossings 1944-1945
Vbk Media, Netherlands, 2000

Artikel Line-Crosser
https://www.wikiwand.com/en/Line-crosser

Deltaprogramm Government NL
https://www.government.nl/topics/delta-programme

Deltawerken
http://www.deltawerken.com/

Historische Atlas – De Biesbosch
https://www.regionaalarchiefdordrecht.nl/achtergronden/historische-atlas-van-de-biesbosch/

Watersnoosmuseum – Nach den Deltawerken
https://watersnoodmuseum.nl/de/wissensdatenbank/nach-den-deltawerken/

This post was last modified on 9. Dezember 2021 19:26

Swash

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