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De Biesbosch

Der Nationalpark De Biesbosch ist wirklich eine absolut faszinierende und einzigartige Wasserlandschaft in den Niederlanden. Das Gebiet ist in nur wenigen Autostunden von NRW aus zu erreichen und doch kommt das Gefühl auf, ganz weit weg in einer völlig anderen Welt gelandet zu sein. Dabei liegt es quasi von der Haustür. 97 % des Nationalparks gehören zu der Provinz Noord-Brabant und 3 % zu Zuid-Holland. Die größte Stadt am Rande des Gebiets gelegen ist Dordrecht.

De Biesbosch ist eine echte Besonderheit, nicht nur weil er heute wieder zu den wenigen Süßwasser-Gezeitengebieten weltweit und dem einzigen in Europa gehört, sondern auch wegen seiner wechselhaften Geschichte, die von Flutkatastrophen und dem Kampf des Menschen um Land und Überleben in einer ganz unwirklichen und schwer zugänglichen Wildnis erzählt.

Erst seit dem 15. Jahrhundert hat der Biesbosch über Jahrhunderte hinweg nach und nach seine heutige Gestalt angenommen. Bis Anfang des 15. Jahrhunderts gehörte die Region zu einem fruchtbaren Polder- und Weidegebiet, das intensiv für Landwirtschaft, Torf- und Salzgewinnung genutzt wurde. Zahlreiche Dörfer und kleinere Städte hatten sich auf der sogenannten Groote oder Hollandse Waard angesiedelt, darunter aber auch Dordrecht als ein wichtiges Handelszentrum, dass bereits 1220 seine Stadtrechte erhielt und auch ein Stapelrecht besaß. Die verheerenden Folgen der Elisabethenflut vom 18./ 19. November 1421 sorgten dann jedoch dafür, dass sich das Leben in der Region gravierend änderte. Zahlreiche Ansiedlungen wurden von den Wassermassen verschluckt und große Teile der Groote Waard wurden komplett überschwemmt, sodass ein gewaltiges Binnenmeer entstand und Dordrecht nur dank seiner Stadtmauern als Insel überleben konnte. So ein kurzer historischer Abriss zu den Anfängen des Biesbosch. Wer mehr darüber erfahren möchte, sei auf einen anderen Artikel von uns zu diesem Thema verwiesen:

In diesem Artikel möchten wir eigene gesammelte Impressionen von zahlreichen Erkundungstouren in den Mittelpunkt stellen und auch ganz praktische Reisetipps geben.

Die letzte größere Tour haben wir 2019 mit Kanu und Zelt unternommen, was leider viel zu lange her ist und die Sehnsucht steigt, die letzten schöneren Tage in diesem Jahr doch noch einmal für einen Trip in den Biesbosch zu nutzen.

Woher der Name stammt

Das Gebiet wurde in früheren Zeiten noch Bergsche Veld genannt. Doch die Landschaft änderte sich drastisch, nachdem das angesprochene Binnenmeer im 15. Jahrhundert und das breite Hollands Diep entstanden waren. Spätere Deichbrüche unter anderem bei Werkendam führten zusätzlich dazu, dass sich die Flüsse den direktesten Weg zur Nordsee suchten. Da die Entfernung zur Nordsee gering war, sorgte die Tide dafür, dass bei Flut Meerwasser bis in den Biesbosch fließen konnte. Bei Ebbe dagegen wurde Salzwasser durch die Flüsse wieder zur Nordsee gedrängt. Dadurch entstand dieses einzigartige Süßwasser-Gezeitengebiet Europas.

Die vom Meer und den Flüssen regelmäßig angeschwemmten Sedimente, Lehm- und Sand lagerten sich ab und reicherten das unter Wasser liegende Land an. Im Laufe der Zeit fielen dann ganze Landstriche, die nicht zu tief unter Wasser lagen, bei Ebbe trocken. Hier konnten sich Pflanzen ansiedeln, die sich den wechselnden Bedingungen anpassen konnten. Allen voran waren es hier die Binsen und auch Strandsimse, die für das Gebiet irgendwann so charakteristisch waren, dass es im Volksmund nur De Biesbosch genannt wurde, also übersetzt: der Binsenwald.

Es blieb über Jahrhunderte ein sehr unzugängliches und kaum bewohntes und bewirtschaftetes Gebiet. Ganz anders noch als zu Zeiten der fruchtbaren und dichter besiedelten Grooten Waard, waren es nun vor allem Weidenhacker, Rohrschneider, Binsenflechter, Jäger oder Kojenwarte, die im Biesbosch ihrer eher mühsamen und oft wenig einträglichen Arbeit nachgingen. Dafür hatte die Natur nahezu freien Lauf und es entwickelte sich eine an ein Brackwasser angepasste große ökologische Artenvielfalt.

Ein alter, dicker Weidenstamm.

De Biesbosch und die Deltawerke

Der Bau der Deltwerke war eine extrem einschneidende Maßnahme für viele niederländische Küstenbereiche und auch für den Biesbosch. Mit der kompletten Abschottung zum Meer durch das Haringvliet 1970/71 entfiel der Tidenhub und es gab keinen Austausch mehr zwischen Süß- und Salzwasser, was enorme Auswirkungen auf das Ökosystem zur Folge hatte.

Die Binsen- und Schilfgürtel gingen verloren und zahlreiche andere vom Meereswasser abhängige Pflanzen und Tiere starben aus, beispielsweise Fische wie Finte, Aal, der Dreistachelige Stichling oder der Sandaal. Aber auch die nachrückenden Süßwasserfische hatten zum Teil ein schweres Schicksal, wenn sie mit dem Ablassen von Wasser aus dem Haringvliet in die Nordsee gespült wurden (siehe http://www.deltawerken.com/Nach-dem-Bau-der-Deltawerke/594.html). Auch die Wasserqualität nahm deutlich ab und es kam unter anderem immer häufiger zu einer Blaualgenverseuchung.

An der Oosterschelde wurden diese Fehler schon nicht mehr gemacht, da dort Sturmflutwehre eingebaut wurden, die nur bei Hochwasser geschlossen werden und ansonsten geöffnet sind, sodass zumindest eine moderate Gezeitenwirkung zugelassen wird.

Bezüglich des Haringvliets fand ab den 1980/90er Jahren ebenfalls ein Umdenken statt, aber es dauerte noch einmal viele Jahre bis zur Umsetzung der neuen Pläne, einer Spalt-Lösung. Das Problem lag unter anderem darin, dass die bis dahin gebaute Süßwasserinfrastruktur wieder an eine Rückkehr der Gezeiten angepasst werden und vor allem auch die intensive Landwirtschaft sich umstellen musste. Seit 2005 wurden die Schleusen dann anfangs zumindest zu 10 % geöffnet, um einen langsamen Übergang wieder hin zu einem Gezeitengewässer einzuleiten. Seit 2018 aber erst werden die Fluttore spaltbreit geöffnet, sodass wieder ein größeres Übergangsgebiet von Salz- und Süßwasser entstehen kann. Der Tidenhub ist zwar mit maximal einem Meter bei Weitem nicht so groß wie vor der Abschottung durch den Damm, aber die Hoffnung ist groß, dass das Ökosystem sich nachhaltig erholen kann und zuletzt verschwundene Pflanzen und Tiere zurückkommen.

Natur

Die Bemühungen seit 2005 zeigen auch erste Erfolge und beispielsweise Binsen und Strandsimse breiten sich wieder aus und Meeresfische kommen zum Paaren/ Laichen zurück, was sich auch positiv auf den Vogelbestand auswirkt.

So werden neben traditionellen Arten wie Blei und Zander auch wieder Aland, Rotaugen, Welse und Flussbarsche gesichtet und mit der Öffnung des Deltas nehmen auch Meerneunauge, Flussneunauge, Finte, Maifisch, Meerforelle und Lachs wieder zu.

Der Biesbosch ist auch die Heimat Hunderter Vogelarten, worunter auch einige der sehr seltenen Eisvogel-Paare gehören. Ganzjährig wird das Gebiet ebenfalls von dem Seeadler und beispielsweise dem Fischadler bewohnt. Auch das größte Nagetier Europas ist hier anzutreffen. Der Biber konnte ab 1988 erfolgreich wieder angesiedelt werden. Wer auf dem Wasser unterwegs ist, wird unweigerlich auf einige der sehr zahlreichen Enten- und Gänsearten, wie beispielsweise Pfeifenten, Reiherenten, Löffelenten, Spießenten, Schnatterenten oder Blässgänse treffen, außer es zieht gerade ein Sturm auf. Dann kann höchstens manchmal beobachtet werden, wie ganze Entenkolonien hintereinander gereiht ein Gewässer überqueren, um in einem nahegelegenen Schilfgürtel Schutz zu suchen. Auch Löfflern und Kormoranen bieten der Biesbosch einen idealen Lebensraum.

Schilf und Weiden, so weit das Auge reicht.

Nun aber zu einigen unserer Reiseerfahrungen.

Lage und Erkundungsmöglichkeiten

Janwillemvanaalst, CC BY-SA 3.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0>, via Wikimedia Commons https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Natuur-Biesbosch-2014Q1.jpg
Im Folgenden nehmen wir Ausschnitte aus dieser Karte, um auf einzelne Gebiete gesondert zu verweisen.

Wie auf der Karte zu sehen ist, wird das Hauptgebiet des Biesboschs im Norden von der Nieuwe Merwede und im Süden von der Amer umschlossen, die im Westen zusammenfließen und das Hollands Diep bilden. Genau in der Flussmitte der Nieuwe Merwede verläuft die Grenze zwischen Zuid-Holland und Noord-Brabant.

Wer sich zunächst einen Überblick über das Gebiet und seine Geschichte verschaffen möchte, ist gut beraten, einen Abstecher zum Biesbosch MuseumEiland einzuplanen. Das Museum gibt einen spannenden Einblick in die Kulturgeschichte des Nationalparks. Dabei steht die Entwicklung des Biesbosch seit der St. Elisabethenflut und das Leben und Arbeiten der Menschen in dieser zum Teil sehr schwer zugänglichen Landschaft im Vordergrund. So wird beispielsweise der Abbau von Binsen, Schilfrohr und Weidenholz und deren Weiterverarbeitung zu Körben, Schilfmatten oder Holzreifen anschaulich dargestellt. Aber auch auf die spannende und wichtige Rolle des Biesbosch als Fluchtstrecke während des Zweiten Weltkriegs wird näher eingegangen.

Darüberhinausgehend ist der Bau architektonisch sehr interessant, da der Neubau als Teil der Landschaft konstruiert wurde und sich in diese fast nahtlos einfügt.

Quelle: Ausschnitt https://biesboschmuseumeiland.nl/
Das Biesbosch-Museum vom Wasser aus. Es fügt sich wirklich in die Landschaft ein und man bekommt schon hier einen Eindruck von der beeindruckenden Landschaft, die einen noch erwartet.

Das Museum ist von Werkendam aus mit dem Auto oder dem Fahrrad bequem zu erreichen und die Gegend lädt zu ersten Erkundungstouren zu Fuß oder mit dem Fahrrad ein.

Lage Biesbosch-Museum

Die ganze faszinierende Vielfalt und die Dimensionen des Nationalparks lassen sich allerdings nur über das Wasser erkunden. Es gibt sowohl bei Werkendam als auch auf der Südseite des Parks in Drimmelen Bootsverleiher, die kleine und größere Motorboote, Elektroboote, Segelboote oder Kanus anbieten. Dass Motorboote in einem Nationalpark und einem empfindlichen Ökosystem erlaubt sind, kann sehr befremdlich wirken und Kanuten kann da nur der Rat gegeben werden, einige besonders befahrene Kanäle von Drimmelen aus zu meiden. Es macht keinen Spaß, permanent das wirklich laute Geknatter um die Ohren zu haben, durch verschmutztes Wasser zu paddeln und sicher auch keine Vögel in Ufernähe zu Gesicht zu bekommen. Welche Strecken das vor allem betrifft, beschreiben wir weiter unten.

Ok, wir geben es zu. Einmal sind wir notgedrungen auch auf ein kleines Motorboot umgestiegen, dazu später mehr. Ansonsten kann nur das Kanu oder Vergleichbares empfohlen werden, um auch die für andere Fahrzeuge gesperrten kleinen Kanäle entdecken zu können.

Die Gats können ganz schön groß sein.
Hot: An einem brüllend heißen Tag in einem kleinen Kanal, der durch Hitze und Trockenheit in dem Jahr immer mehr von einem Algenteppich bewuchert wurde.
Veralgung kleiner Kanäle in einem heißen Sommer kommt häufiger vor. Da wird Paddeln zu einem Gestocher und Geschiebe und man kommt kaum noch vorwärts.
Kleinere Kanäle können aber auch so aussehen, was eher die Regel ist.

Mit dem Kanu von Werkendam aus

Eine Kanutour kann sehr gut von dem Jachthafen Oversteeg bei Werkendam aus gestartet werden, also über den Nordwesten. Der Jachthafen liegt hinter einer Schleuse an der Nieuwe Merwede und bietet nach dem Steurgat bei Werkendam-Bandijk die letzte Möglichkeit, von der Merwede aus kommend über eine Schleuse in das Gebiet mit dem Boot einfahren zu können.

Danach gibt es vor der Moerdijkbruggen beim Kap Anna Jacominaplaat, wo das Hollands Diep beginnt, keine direkte Verbindung mehr zwischen der Nieuwe Merwede und dem Biesbosch.

Kleiner Exkurs: Die Anna Jacominaplaat ist eine Halbinsel und ehemalige Sandbank im Biesbosch. Sie ist vollständig von Wasser umgeben: von der Nieuwe Merwede, dem Hollands Diep, der Amer und der Gat van de Visschen. Die Anna Jacominaplaat ist über einen schmalen Wellenbrecher mit dem Festland verbunden. Dieser Wellenbrecher sorgt dafür, dass sich das Wasser der Merwede möglichst spät mit dem der Amer vereinigt (auf der Übersichtskarte ganz unten links zu erkennen).

Übersichtskarte mit Lage Jachthafen Oversteeg Werkendam und Bisbosch-Museum.
Jachthafen Oversteeg, Werkendam.

Also zurück zum Einstieg in den Biesbosch über den Jachthafen Oversteeg. Möglichkeiten, um das Boot zu Wasser zu lassen, gibt es hier einige. Bei normalen Wasserstand kann auf dem eingezeichneten Parkplatz geparkt und dort auch direkt und bequem mit dem Kanu gestartet werden. Es gibt kleine Verbindungskanäle, die weiter südlich zum Gat van den Hardenhoek führen. Einige Wanderbrücken müssen bei dieser Route unter- oder überquert werden, was kein Problem darstellt. Bei Niedrigwasser muss das Boot etwas weiter zu einer Brücke getragen werden.

Wie auf der Karte vom Biesbosch-Museum zu erkennen ist, liegt dieses ebenfalls am Gat van den Hardenhoek. Eine Kanutour vom Jachthafen Oversteeg aus kann also ganz bequem mit einem Besuch im Museum verbunden werden. Dort gibt es einen Anleger und einen direkten Zugang zum Museum während der Öffnungszeiten.

Sicher gibt es viele andere Möglichkeiten, eine Tour zu starten. Der Jachthafen eignet sich aber gerade auch für Mehrtagestouren, da das Auto dort gut abgestellt werden kann und wer kein Kanu hat, kann hier eins mieten. Außerdem ist man direkt mitten drin und kann von da aus viele tolle Routen wählen.

Ein weiterer Pluspunkt ist, dass bei diesem Einstieg in das Gebiet mit einem Kanu die Amer nicht überquert werden muss und weder Berufsschifffahrt noch eine größere Anzahl von Motorbooten oder Jachten drohen. Gerade für Anfänger ist das ein guter und entspannter Startpunkt, da auch die Gats noch eine überschaubare Ausdehnung haben.

Einstieg vom Süden über die Amer

Über die Amer mit dem Kanu in den Biesbosch überzusetzen, kann mehr als ein echtes Abenteuer sein und gefährlich werden. Die Amer muss auf jeden Fall gekreuzt werden und ist wie gesagt eine stark befahrene Wasserstraße, sowohl für den Berufsverkehr als auch für den Freizeitsport mit hochmotorisierten Jachten. Von daher ist immer mit sehr viel Verkehr und Wellengang zu rechnen. Das sollten wirklich nur erfahrene Kanuten mit dem richtigen Equipment angehen.

Zudem sollte bei einer solchen Planung auf das Wetter geachtet werden. Wir haben auf der Amer schon mal einen Wellengang nach einem Sturm erlebt, bei dem wir auch mit einem kleinen Motorboot ganz schön zu kämpfen hatten und kräftig durchgeschaukelt wurden. Wahrscheinlich hätte unser wildwassertauglicher Schlauchboot-Kanadier das besser hinbekommen.

Der Jachthafen von Drimmelen ist recht groß (es gibt einen neuen und einen alten Hafen) und wird in erster Linie von kleinen und größeren Jachten angesteuert. Unzählige Tagestouristen mieten sich hier aber auch ihre Schaluppen, um einen Ausflug in den Biesbosch zu starten.

Für Kanuten bedeutet das aber auch, dass ein sehr schöner Bereich im Biesbosch eher gemieden werden sollte, wenn mit einem hohen Besucheraufkommen zu rechnen ist. Ansonsten hat man neben dem Knattern der Motoren und dem Gestank von Abgasen mehr mit Ausweichmanövern zu tun und von einem unvergesslichen Naturerlebnis kann dann nicht mehr die Rede sein. Was sich die Nationalparkverwaltung dabei gedacht hat, bleibt deren Geheimnis. Wenn es ein motorisiertes Boot sein soll, was durchaus einmal sinnvoll sein kann, gibt es mit den sogenannten Flüsterbooten eine gute Alternative zu den traditionellen Motorbooten. Diese können beispielsweise im Biesboschzentrum Dordrecht gemietet werden.

Von den Bootsverleihern am Jachthafen Drimmelen wird den Tagesausflüglern immer eine Route in den Biesbosch empfohlen, was dazu führt, dass an bestimmten Tagen sich hier wie gesagt mittlere und kleinere Motorboote dicht an dicht aneinanderreihen. Erst am rechten Amerufer bleiben, dann übersetzen und auf der rechten Seite in den Spijkerboor einfahren. Hier gilt bis zum Boventse Gat eine Art Einbahnstraßensystem und erst dann kann gewendet werden, um in den Sloot van Sint Jan einbiegen und dann über den Gat van de Plomp tiefer in den Biesbosch vordringen zu können.

Lage Jachthafen Drimmelen, Sloot van Sint Jan und Gat van de Plomp.
Standardroute vom Jachthafen Drimmelen mit Motorbooten.

Der Sloot van Sint Jan hat eine besondere Geschichte. Wie auf der Karte zu sehen ist, gibt es dort eine Brücke, die St. Jan Brücke. An der Brücke ist eine Gedenktafel angebracht. Laut der Aufschrift hinderten die Line-Crosser 75 Überläufer an der Flucht und händigten diese den polnischen Alliierten aus:

Symbool van verzet, door Onderduikers, hun Helpers en Line-crossers. Punt van Ontwapening 75 vijandelijke soldaten door onderduikerscommando.

Symbol of resistance, by people in hiding, their Helpers and Line-crossers. Point of Disarmament 75 enemy soldiers by hiding command.

Aufschrift St. Jan Brücke
Quelle: Pvt pauline, CC BY-SA 3.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0>, via Wikimedia Commons https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Brugje_van_St_Jan.JPG

Die Brücke war Teil eines Netzwerks verschiedener Routen durch den Biesbosch hindurch, die verstärkt ab Ende 1944 genutzt wurden, um Menschen, Waren und Informationen zu transportieren und auszutauschen, um die deutsche Besatzung zu unterlaufen. Die sogenannten Line-Crosser waren eine Gruppe von Widerstandskämpfern, die mehrheitlich aus Werkendam stammten und in den letzten Monaten des 2. Weltkriegs eine Verbindung zwischen den besetzten nördlichen und den befreiten südlichen Teilen der Niederlande über den Biesbosch aufrecht erhielten. Sie waren Teil einer größeren Widerstandsgruppe, die den Biesbosch nutzten, da die deutschen Truppen dieses Gelände mieden.

Der Sloot van Sint Jan und der Gat van de Plomp sind aber auf jeden Fall einmal einen Ausflug wert, da es sehr schöne Kanäle sind. Bei eher durchwachsenem Wetter gegen Ende der Saison haben wir die Gegend schon einmal fast menschenleer erlebt und das hat sich auf jeden Fall gelohnt. Es gibt direkt neben der St. Jan Brücke übrigens eine sehr gute Anlegestelle und einen schönen Platz, der zu einem Päuschen einlädt.

Der Polder Vischplaat und Biesboschhoeve

Der Polder Vischplaat liegt im Südwesten des Biesboschs in der Nähe der Amer. Er war für uns schon häufig das Übernachtungsziel bei mehrtägigen Kanu-Touren durch das Gebiet, da er einen kleinen Campingplatz unterhält und nur mit dem Boot erreichbar ist. Ansonsten wird der Polder landwirtschaftlich bewirtschaftet und dient insbesondere der Rinderzucht. Der Hof und Campingplatz heißen Biesboschhoeve (https://biesboschhoeve.nl/). Seit 1994 werden dort unter anderem auch die Schotse Hooglanders (also schottische Hochlandrinder) gezüchtet. Diese beweiden mehrere Polder im Nationalpark und üben damit eine wichtige Funktion in der Landschaftspflege aus.

Der Kontakt mit einer frei laufenden Herde, dieser robusten, mit zotteligem Fell und langen Hörnern ausgestatteten Hochlandrinder, kann im ersten Moment schon ganz schön einschüchternd sein, wie wir am eigenen Leib erlebt haben. Nichts ahnend saßen wir an einem heißen Tag an einer Anlegestelle am Trinkwasserbecken Honderd en Dertig und machten es uns im Schatten zu einem ausgedehnten Picknick gemütlich, als plötzlich eine Herde von circa 20 Tieren ankam. Wir hätten es uns denken können, den dieser Schattenplatz zeigte deutliche Spuren, dass er bei den Tieren beliebt sein könnte. Mein mutiger Kollege ließ alles stehen und liegen, nahm sofort die Beine in die Hand und ließ mich mit unseren ganzen Sachen zurück. So schnell habe ich ihn noch nie ins Boot springen sehen. Davon waren die eigentlich recht gutmütigen Rinder genauso überrascht wie ich. Gemeinsam schauten wir ihm bei seiner stolpernden Flucht hinterher. Dann schauten sich die Tiere etwas verwundert an und trotteten gemütlich von dannen. In den Erzählungen meines Kollegen bestand die Herde im Nachhinein natürlich aus über 60 anstürmenden, schnaufenden und grimmig dreinschauenden Zottelmonstern, die ihre Hörner auf uns gerichtet hatten. Na ja, so viel zu selektiver Wahrnehmung…

Tja, sehen schon echt aus wie wilde Monster???
Quelle: Selbstdarstellung Biesboschhoeve und deren Schotse Hooglanders, die adoptiert werden können.

Doch zurück zum Vischplaat. Vom Jachthafen Oversteeg oder dem Biesboschmuseum aus ist der Polder gut zu erreichen. Die Karte unten zeigt zwei mögliche Routen, die unter anderem durch kleinere, nur für Paddler freigegebene Kanäle führt. Zwei größere Gats müssen dabei überquert werden. Zum einen ist es das kleinere Gat van den Kleinen Hill und zum anderen das größere Gat van Van Kampen, um dann nördlich in das am Campingplatz gelegene Gat van den Binnennieuwensteek einbiegen zu können.

Bei diesem Gat muss sehr auf Untiefen geachtet werden, da es insgesamt recht flach ist. Für Motorboote gibt es von Norden kommend keinen vernünftigen Durchgang oder höchstens für kleine Boote mit möglichst hochgeklappten Motor. Aber auch das kann schief gehen, da es eine Steinbarriere direkt unter der Wasseroberfläche gibt, die in den Karten auch deutlich eingezeichnet ist. Von der Amer kommend gibt es für Motorboote ebenfalls nur eine recht schmale Fahrrinne, obschon das Gat selber recht breit ist, was einen sehr täuschen kann. Diese Fahrrinne ist nur einmal mit einem kleinen Stöckchen gekennzeichnet, welches selbst wir, obschon wir den Weg kennen, oft nicht mit dem bloßen Auge ausmachen konnten. Hier empfiehlt es sich dringend, vorher Karten zu besorgen, in denen potenzielle Untiefengebiete und Fahrrinnen eingezeichnet sind.

Dies gilt eigentlich für alle Touren durch den Biesbosch mit dem Boot, also vor allem mit Motorbooten. Da die Sandbänke wandern, sollte man sich damit zwar auch nicht in absoluter Sicherheit wägen, aber es wird schneller deutlich, wo es möglicher Weise eng werden könnte und daher vorsichtiger gefahren werden sollte.

Lage Polder Vischplaat auf der Übersichtskarte.
Zwei mögliche Routen vom Jachthafen Oversteeg Werkendam oder dem Biesbosch-Museum aus zur Vischplaat.

Übrigens, wer kein Boot hat und vielleicht zum ersten Mal den Biesbosch auf einem Campingplatz kennenlernen möchte, auf dem sicher keine Autos oder Wohnwagen etc. anzutreffen sind, der oder die kann mit einer Fähre von der Amer aus übersetzen. Die Fähre wird von dem Hof selber betrieben (und dient normalerweise zur Versorgung des Hofs oder auch zur Verfrachtung der Rinder etc.). Für Fahrgäste fährt die Fähre nicht oft, dies kann bei der Buchung aber angegeben und anschließend abgesprochen werden. Unseren aller ersten Besuch in den Biesbosch haben wir genauso geplant. Ein Kanu haben wir auf dem Hof gemietet und es waren drei absolut tolle und spannende Tage. Danach war klar, wir kommen mit dem eigenen Boot wieder, keine Frage.

Der Campingplatz ist recht klein, war bisher aber nie wirklich überfüllt. Wer keine Lust auf Zelt und Co. hat, kann sich dort auch zwei einfach ausgestattete Holzhütten mieten.

Google maps, Vischplaat mit Campingsite.
Kleine Insel mit Weiden im Gat van den Binnennieuwensteek

Hier noch ein paar Tipps zur Versorgung auf dem Platz. Sind nur ein oder zwei Übernachtungen eingeplant, können Lebensmittel sicher noch ganz gut mit dem Kanu transportiert werden. Eier, Milch und Fleisch können auf dem Hof aus eigener Produktion gekauft werden, sehr lecker! Wir haben beim Bieschboschhoeve aber auch schon einmal fast 14 Tage Station bezogen, da es einfach ein super Ausgangspunkt für ausgedehnte und spannende Tagestouren ist. Tja, da würde wohl jedes Kanu an die Beladungsgrenze geraten und wir mussten immer wieder reine Versorgungsfahrten unternehmen. Also zurück zum Auto paddeln, einkaufen und wieder zum Campingplatz. Das dauerte meist ein paar Stunden und der Tag war damit ausgefüllt, was schon auch etwas nervig sein kann. Bei mehreren Tagen kann es also sinnvoll sein, die Anfahrt über die Amer mit der Fähre zu organisieren und alle notwendigen Dinge wie Zelte, Tarp, Schlafsäcke, Lebensmittel, Getränke etc. herüberzubringen. Allerdings steht das Auto dann etwas einsam auf einem nicht gesicherten Parkplatz. Hier kann ein einfaches Klapprad helfen, um nach dem Ausladen das Auto zurück nach Drimmelen bringen zu können.

Das Laufentenpaar darf auf dem Platz nicht fehlen. Täglich macht es, brav auf den Wegen bleibend, seine Rundgänge und schaut nach dem Rechten.

Wind, Wind, Wind und Sturm

Spät in der Saison kann das Wetter schnell rau und unbeständig werden, was wir am eigenen Leib erleben mussten. Bei starkem Wind mit stürmischen Böen über 50/60 km/h oder mehr können die großen Gats zu einer Herausforderung für Paddler werden und es gehört dann schon etwas Erfahrung dazu, sicher ans Ziel zu kommen und nicht zu kentern oder einfach nur permanent in den Schilfgürtel gedrückt zu werden.

Durchwachsenes Wetter kann aber auch zu sehr schönen Lichtspielen führen.

Wir haben das einmal mehrere Tage hintereinander erlebt und irgendwann war der Thrill über das aufgepeitschte Wasser doch eher Ernüchterung gewichen und wir wünschten uns nichts mehr als ein paar ruhigere Tage. Tja, falsch gedacht, es ging noch schlimmer. Nach Tagen mit stürmischem Wind folgte ein echter Sturm mit um die 10 Bft (circa 100 km/h), das war dann schon echt beeindruckend.

Die Spitze des Sturms erreichte die Vischplaat am späten Abend und in der Nacht. Ein Jugendcamp am anderen Ende der Insel musste schon am Nachmittag viele Zelte und andere Aufbauten abbauen. In der späten Nacht war es dann völlig um sie geschehen. Das Camp musste aufgegeben werden und alle zogen zum Haupthaus, um dort Schutz zu suchen.

Auf dem öffentlichen Campingplatz waren wir die letzten Mohikaner, die anderen Gäste hatte schon vor dem Sturm die Rückfahrt angetreten. Zur Sicherheit hatten wir eine der Keets (Holzhütten) für die Nacht gemietet, was zumindest zum Kochen und als Windschutz auch wirklich nötig war. Für uns war es eigentlich ein wirklich gemütlicher Abend, einmal so ganz alleine auf dem Platz zu sein. Und hinter einer Weidenhecke hielten unsere Zelte dem Wind auch gut stand.

Bei aufziehendem Sturm sollte man sich auch mit dem Motorboot besser schnell in Sicherheit bringen, das kann mehr als ungemütlich werden.

Da uns der Wind schon die Tage vor dem ausgewachsenen Sturm irgendwann auf die Nerven ging, hatten wir uns ein kleines Motorboot gemietet, um trotz starkem Wind für uns noch unbekannte Gebiete erkunden zu können. Das lief auch alles recht gut, bis uns bei stürmischem Wind auf der Amer der Benzinschlauch abrutschte. Bei hohen Wellen und tiefen Wellentälern trieben wir auf einmal manövrierunfähig wie eine Nussschale mitten auf der Amer (wir wollten gerade kreuzen). Ich habe zu einem Paddel gegriffen, um notdürftig etwas am Kurs beeinflussen zu können (wohl eher zur mentalen Beruhigung). Mein Kollege konnte den Schlauch zum Glück wieder befestigen. Wow, das war ein echter Schreckmoment!

Übrigens, es ist immer ratsam, eigene Paddel in den kleinen Motorbooten mitzuführen, da die Verleiher keine mitgeben. Wir haben unsere Paddel häufiger benötigt und manövrierunfähig kann man immer einmal werden!

Polder De Dood, Moordplaat und Boerenverdriet

Lage De Dood und Moordplaat Übersichtskarte.
Polder De Dood und Moordplaat.

Als wir das Motorboot hatten, haben wir wie gesagt die Gelegenheit genutzt, um auch einmal weiter entlegene Gebiete, die wir noch nicht kannten, ausführlicher zu erkunden. Besonders interessierte uns unter anderem der Polder De Dood, da es dort eigentlich auch einen Campingplatz geben soll. „Eigentlich“ trifft es wohl ganz gut, zumindest als wir uns das anschauten wirkte alles eher verlassen und etwas unheimlich. Das etwas unheimliche Gefühl stammte wohl auch daher, dass kurz vor unserer Ankunft irgendwo beim Polder De Dood ein Mann tot in einem Boot aufgefunden wurde.

Aber die Namen und Geschichten von De Dood und Moordplaat, einem angrenzenden Polder, haben unsere Fantasie da sicher auch noch zusätzlich beflügelt.

Eine ältere und recht verbreitete Geschichte besagt, dass ein Bauer vom Polder Boerenverdriet (bäuerlicher Kummer) zwei Söhne hatte, die sich gar nicht gut verstanden. Eines Tages artete der Streit zwischen den Brüdern dermaßen aus, dass der eine den anderen mit einer Mistgabel in den Rücken stach. Dies geschah auf dem Polder Moordplaat. Der schwer verletzte Bruder konnte zwar noch fliehen, fand dann aber auf dem angrenzenden Polder den Tod, also auf dem Polder De Dood.

Was den Namen Boerenverdriet betrifft, gibt es eine plausiblere Erklärung. Demnach leitet sich der Name von häufigen Streits ab, ob ein bestimmtes Gebiet als Wachstum oder Zuwachs anzusehen wäre. Wenn es als Zuwachs bewertet wurde, war es Staatseigentum. Wenn nicht, gehörte es dem angrenzenden Polderbesitzer.

Auch bezüglich des Namens De Dood gibt es weitere Erklärungen. Eine besagt, dass dort eine tote Kuh gefunden wurde, die vom Blitz getroffen wurde. Eine andere bezieht sich bei der Namensgebung auf die früher weitverbreitete Praxis des Entenfangs in der Region. Auf dem Polder De Dood soll sich die größte Entenkoje (eendenkooi) vom Brabantse Biesbosch befunden haben und das Ende der Pfeife eines Entenköders wird ‚Tod‘ genannt. Vielleicht geht der Name aber auch einfach auf einen Familiennamen zurück, aber das wäre ja langweilig.

Die Geschichten und Legenden hinter den Namensgebungen der zahlreichen Polder sind also eine recht spannende Angelegenheit und können einiges über die bewegte Vergangenheit des Biesbosch verraten (Quelle: http://www.biesbosch.nu/gebiedenpagina.php?code=vA-F).

Also, ein Ausflug in den Biesbosch lohnt immer!

Besucherzentren/ Museum

Biesbosch-Zentrum Drimmelen
Biesboschweg 4
4924 BB Drimmelen
Tel.: +31 (0)162-682 233

Biesbosch-Zentrum Dordrecht
Baanhoekweg 53
3313 LP Dordrecht
Tel.: +31 (0)78 – 630 5353

Biesbosch-Museum Werkendam
Hilweg 2
4251 MT Werkendam
Tel.: +31 (0)183-5004 009

This post was last modified on 14. September 2021 2:43

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