Akte X Klimawandel

Akte X Klimawandel IV „Water“: I: Chinatown Business aka „Wassermanagement“, C02, „End of the Pipe“ Problem, Ablasshandel

Chinatown, Roman Polanski

Der Klimawandel ist, jedenfalls wenn es um menschliche Zivilisation geht ein „Risikomultiplikator“ für viele verschiedene Aspekte. Die Wasserknappheit ist dabei sicher ein Effekt, den wir schon heute am eigenen Leibe spüren. Der UN-Menschenrechtsexperte David Boyd forderte in seinem Bericht „Human Rights and the Global Water Crisis“:

Angesichts der verheerenden Auswirkungen der globalen Wasserkrise auf Leben, Gesundheit und Menschenrechte müssen schnell und systematisch Abhilfemaßnahmen ergriffen werden.

https://www.ohchr.org/EN/Issues/Environment/SREnvironment/Pages/HumanRightsGlobalWaterCrisis.aspx

Auch die Analysen einschlägiger Investmentbanken und Services sprechen eine sehr deutliche Sprache:

Water is undoubtedly one of the most precious natural resources for life on earth. Without access to good quality freshwater, human, animal and plant survival is impossible, while many industries are also highly dependent on reliable sources of water for their day-to-day operations and long-term viability.

https://www.investmentbank.barclays.com/our-insights/rising-to-the-water-challenge.html

Barclays bezeichnet das Risiko jüngst als: „das größte Umweltproblem“ für den globalen Konsumgütersektor. Insbesondere auch deshalb, weil praktisch alle Produktionsketten extrem abhängig sind von Wasserkreisläufen. Lebensmittel, Landwirtschaft, Industrievor- und Industrieendproduktion für praktisch jedes Produkt, insbesondere auch Batterien und Mobilität, Energiewirtschaft insgesamt. Bekleidung und Färbereien, chemische Industrie – massenhafte Verfügbarkeit von Wasser ist elementar. Unbewässerte Landwirtschaft etwa ist schon heute auch in Deutschland in vielen Erntezyklen nicht ertragsorientiert möglich. Damit entstehen enorme Kosten durch Ernteausfälle und geringe Erntemengen, wenn nicht ein effektives Bewässerungssystem vorhanden ist. Dies aber steigert den Verbrauch und auch die technische Bereitstellung mit dem Einsatz von Pumpen etc. bringt weitere Emissionen,, und steigert den Energieverbrauch. Damit hat ein bewässertes Feld ganz andere Umweltindikator Zahlen als ein ungewässertes Feld, was bis zum Brot oder anderen Lebensmitteln durchgereicht wird.

Die Wasserpreise sind in den USA in den wichtigsten Ballungsräumen im Schnitt um 60 Prozent gestiegen, im relativ kurzen Zeitraum zwischen 2010 und 2019. Wasser wird auch in verschiedenen Derivaten gehandelt, dabei spielen Kalifornische Futures auf Wasserverbrauch/Wassermenge eine Rolle, und können zumindest für den Südwesten auch als Indikator verstanden werden. Bei den Kalifornischen Futures gab es, laut Barclays Bericht, Schwankungen bis zu 300 %. Witzig – Kalifornien ein alter Wasserwirtschaftskrimi – wie in „Chinatown„.

Unilever, Colgate, Reckitt Benckiser sind in der Barclays Studie einer genaueren Betrachtung unterzogen worden: Wasserrisiken können nach Ansicht der Barclays Analysten den operativen Gewinn im Rahmen von 40 bis 50 Prozent beeinflussen.

Wen wundert es, wenn Unternehmen hier allmählich eine Awareness entwickeln. Und so gibt es bereits ein an C02 angelehntes Wording – „wasserneutral“. Reckitt Benckiser hat ausgerufen: In 20 Fabriken, die in wasserarmen Regionen liegen will Reckitt Benckiser bis 2030 „wasserneutral“ wirtschaften.

In water stressed locations, where we have 20 sites at the moment, we are introducing water catchment area programmes as part of our ambition to be water positive by 2030 there. And we are targeting a 50% reduction in our product water footprint by 2040. We’re also reducing the amount of water needed to use with our products. Our Finish brand is tackling water consumption by asking people to stop pre-rinsing their dishes. Savings like this add up to make a big difference to our global impact.

https://www.reckitt.com/sustainability/healthier-planet/water/

Das Wasserrisiko sei geschätzt sogar dreimal höher als die Risiken der Karbonisierung durch C02 Ausstoß. Natürlich sind solche Vergleiche beeindruckend und haben einen richtigen Anteil, allerdings muss man natürlich bedenken, dass wir es häufig mit Wechselwirkungen zu tun haben. Wie so oft. Der Klimawandel, also die Karbonisierung der Atmosphäre sorgt für eine Veränderung der Niederschläge, lässt Eis und Permafrost schmelzen, macht eine Vermeidungsindustrie nötig, wie z.B. E-Mobilität, und steigert so den Wasserbedarf der Fertigung. Also kann man beide Faktoren natürlich nicht isoliert betrachten. Aber: Es gibt viele Industrien, die große Mengen Wasser benötigen, aber aus Sicht der C02 Emissionen eher unwichtiger sind.

Elektromobilität zeigt das Problem exemplarisch: Die CO2 Emissionen werden häufig sehr verkürzt wahrgenommen, nur auf der Basis dessen was „aus dem Auspuff“ kommt oder eben nicht. Das ist die sogenannte „End of the Pipe“-Betrachtung. Diese lässt jedoch außen vor, dass auch bei der Gewinnung der nötigen Rohstoffe und bei den Produktionsschritten bis zur Endmontage der Autos sehr große Mengen freigesetzt werden. Sogar mehr als in der Verbrennerfertigung. Auch der Wasserverbrauch ist wesentlich höher.

https://www.rijkswaterstaat.nl/english/water/water-safety/delta-works/index.aspx manchmal muss man auch zu viel vom Nassen draußen halten, das gehört auch zum Wassermanagement. Die Niederländer haben Rikswaterstaat – das zu neuer Blüte durch den Klimawandel kommen kann.

Porsche etwa hat bemerkt, dass die Taycan Fertigung, ein E Porsche, bis zu 40 % mehr Co2 erzeugt als die Fertigung der Verbrenner, weshalb das Unternehmen nun auch die Zulieferer auf „Klimaneutralität“ festlegen will. Natürlich bedeutet Klimaneutralität nicht, dass der erhöhte C02 Ausstoß nicht anfällt, sondern man kauft sich frei und verwendet, soweit möglich, erneuerbare Energien. Aber – auch bei den erneuerbaren gibt es eine „End of Ppipe“ Wahrnehmung, denn auch sie haben ihren Produktionskreislauf. Das sind also minimale Schritte, die mit viel Marketing und C02 Zertifikaten aufgeblasen werden. Das ist aber keine porschetypische Sache, sondern, im Zusammenspiel mit den Zertifikaten, eben der ganz normale „End of Pipe“ Wahnsinn. Wasch mir den Pelz aber mach mich nicht nass. Selbst für Experten ist hier manchmal kaum zu unterscheiden, was Marketing ist und was nicht. Hinzukommt der Ablasshandel mit C02 Zertifikaten.

Barclays schätzt weiter die „wahren Kosten“ von Wasser immer noch drei- bis fünfmal höher ein, wenn man die direkten und indirekten Kosten von Wasserknappheit und andere Risiken berücksichtigt. Wasser ist viel zu preiswert. Es existiert also eine regelrechte Risikomatrix, mit vielen Nodes, die sich gegenseitig beeinflussen und so auch die Gesamtlage dynamisch halten. Wassermanagement ist sicher einer der Schlüsselfaktoren für Geschäftserfolg. Das bedeutet aber erst einmal nur, dass Vorsorge getroffen werden muss für höhere Preise, also braucht man Wassermanagement und muss Wasser behandeln als sei es kein unbegrenzt verfügbarer Rohstoff. Das kann für die Verbraucher natürlich fatale Folgen haben – siehe Chinatown. Am Ende landen wir so bei einer Privatisierung des Wassers, die zunächst als ressourcenschonende Maßnahme erscheint., was sie in der Praxis über Marktbedingungen auch sein kann. Allerdings zeigt sich in Australien in dem Wasser bereits privatisiert ist, wie in Kalifornien, auch die Schattenseite. Wasser wird Spekulationsobjekt und viele Verbraucher*innen bekommen in Dürre Jahren gar kein Trinkwasser mehr, genauso wie kleine Unternehmen sind sie dann auf staatliche Zuteilungen angewiesen. Und genau hier sind die Grenzen des Marktes. In Kalifornien etwa gibt es lange schon Hilfsprojekte, die mit Tanklastwagen Menschen versorgen, die anders nicht mehr in der Lage sind Trinkwasser unter Marktbedingungen zu beschaffen. Also haben wir auch bei der Wasserfrage selbst eine „End Of Pipe“ Wahrnehmung, wenn man die sozialen Aspekte des absolut lebensnotwendigen Wassers betrachtet. Also muss es Quellen geben, die für alle gesellschaftlichen Schichten, in jeder nur erdenklichen Lage, mühelos erschwinglich sind. Privatisierung von Wasser ist auch nicht zwingend erforderlich, es kann genauso gut eine marktunabhähiges und demokratisches, bürgerschaftlich organisiertes Wassermanagement etabliert werden. Und wieder einmal sehen wir: Das derzeitige System steht im Weg rum, auch wenn Vertreterinnen dieses Systems eine Awareness propagieren, tun sie dies vor allem um die Profite in Zukunft unter veränderten ökologischen Bedingungen zu sichern. Gemeinwohl ist eine untergeordnete Funktion privaten Wassermanagements.

Doch das ist nur eine Seite der Medaille, die andere Seite sind die Börsen und damit die Ratings und Ratingagenturen. Auch hier darf man nicht zu kurz denken, denn zwar hat direkte Wasserknappheit eher wenig Einfluss auf die Ratings, aber es gibt auch hier viele Faktoren zu beachten. Beispielsweise hat das lang anhaltende Niedrigwasser des Rheins, was zu Lieferausfällen und Schwierigkeiten bei der Rohstoffversorgung führte, sehr wohl einen Einfluss auf die finanzielle Gesundheit von Unternehmen. Fällt etwa der Rhein aus, dauerhaft, dann haben wir eine völlig andere Situation. Auch Kraftwerke, also die Energieversorger, sind häufig auf große Wassermengen angewiesen, und dann auch noch in ganz bestimmten Temperaturranges.

Wasser – der hidden Champion des Klimawandels. Schön, dass wir all die wachen Politiker*innen haben, die so viele schöne Konferenzen machen und stets auch die Wasserfrage im Auge haben, danke! So wird Zukunft gemacht. Batteriewerke an jeder Ecke, endlich.

This post was last modified on 2. Juli 2021 22:34

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