von Hanno Parmentier
Die Museumsbauten des Kölner
Architekten Oswald M. Ungers sind schon heute Teil der
Architekturgeschichte.
Dass der Kölner Architekt Oswald
M. Ungers als sein erstes Museumsprojekt ausgerechnet das Deutsche
Architekturmuseum in Frankfurt am Main (1979-84) entwerfen durfte,
wirkt im Rückblick wie eine wohlwollende Geste des Himmels. Kein
anderer Architekt in Deutschland hat – mit seinen realisierten
Bauten ebenso wie mit den nicht ausgeführten Entwürfen –
den Museumsbau, die Königsklasse der Architektur, nachhaltiger
geprägt als Ungers. Andres Lepik von der Kunstbibliothek der
Staatlichen Museen zu Berlin nennt Ungers deshalb den „wahrscheinlich
fruchtbarsten deutschen Museumsarchitekten in der zweiten Hälfte
des 20. Jahrhunderts“.
Ungers ist ein Mann der
unzweideutigen Form. „Mein Entwurf: die Klarheit, die Geometrie,
die Eindeutigkeit“ formulierte der Architekt anno 2001 anlässlich
der Wiedereröffnung des nach seinem Entwurf umgebauten
Düsseldorfer „museum kunst palast“ lakonisch. Diese
programmatische Positionsbeschreibung ist Resultat eines lange
währenden Studiums der Geschichte seines Fachs: „In meinem
Denken fühle ich mich den geistigen Einflüssen, Regeln und
Formgesetzen von Denkern wie Hadrian, ... Schinkel (oder) Mies van
der Rohe ... mehr verwandt als den Extravaganzen barocker Baumeister
oder den Expressionisten“, schrieb der Kölner 1998. Jedes der
seit 1951 von Ungers entworfenen Gebäude – ob Privathaus,
Verwaltungsbau oder Museum – spricht Bände über diese
Einordnung in eine Traditionslinie der Strenge. Nicht von Ungefähr
hatte der Marburger Kunsthistoriker Heinrich Klotz den Wahlkölner
aus der Eifel schon 1977 für die Planung des neu zu bauenden
Frankfurter Architekturmuseums vorgeschlagen: Klotz hatte die
Vehemenz gefallen, mit der Ungers für eine Rückkehr der
Architektur zur baukünstlerischen Tradition eintrat. Welche
Welten zwischen Ungers’ kühler Ausdrucksform und der zuweilen
lärmenden Formenseligkeit mancher zeitgenössischen
Architektur liegen, kann schlagend nachvollziehen, wer in Frankfurt
den Main auf kurzem Wege überquert: Nur wenige hundert Meter
Luftlinie trennen die strenge Fassade des Architekturmuseums auf der
Sachsenhäuser Seite von den etwa zeitgleich mit dem Museum
entstandenen postmodernen Dekorations-Orgien in der altstädtischen
Saalgasse.
Eines überbordenden Dekors bedarf es bei
Ungers nicht. Gliederung genug erhalten seine Bauten durch den für
ihn stiltypischen Rückgriff auf die hermetischsten Formen allen
Bauens – Quadrat/Kubus und Kreis/Kugel, die seiner Architektur eine
seltsam majestätisch anmutende Zeitlosigkeit verleihen. Dem
Betrachter freilich enthüllt sich nicht, dass beispielsweise
beim Entwurf für den – nach den Behausungen von 1861, 1957 und
1986 – mittlerweile vierten Neubau des Wallraf-Richartz-Museums in
Köln Maß und Ausrichtung aus dem Vierungsquadrat der
benachbarten Kirchenruine von St. Alban abgeleitet wurden.
So
hermetisch und streng Ungers’ Museumsbauten wirken, so respektvoll
verhalten sie sich auch. Das gilt in zweierlei Hinsicht, nach außen
und nach innen. Sie respektieren zunächst ihre eigene Funktion.
Die Gebäude sind kein Selbstzweck. Sie dürfen
baukünstlerischen Anspruch erheben – nicht aber auf Kosten der
zu präsentierenden Kunst. Die Hamburger „Galerie der
Gegenwart“ (1997), ein Erweiterungsbau der Kunsthalle, ordnet sich
dieser Aufgabe ebenso maßvoll unter wie Ungers’ Kölner
Meisterwerk, der Neubau des Wallraf-Richartz-Museums (2001) zwischen
Rathaus und Gürzenich.
Beide Bauten demonstrieren aber
auch den Respekt, der den oft sensiblen topographischen wie
historischen Umfeldern musealer Großbauten gilt. Die Hamburger
„Galerie der Gegenwart“ muss sich – als Erweiterung der
Erweiterung – mit gleich zwei repräsentativen Vorgängerbauten
auseinandersetzen: dem Backstein-Gründungsbau von 1869 sowie dem
ersten Erweiterungsbau von 1912-21, den der legendäre
Stadtbaumeister Hamburgs, Fritz Schumacher, entwarf. Ernst und heiter
zugleich, selbstbewusst, aber nicht auftrumpfend behauptet sich der
Ungers’sche Kubus vis-á-vis dem ältesten Teil der
Kunsthalle, die zentrale Rolle des Quadrats als gliederndem Moment
diesmal geradezu zur Schau tragend.
Noch heikler die Situation
in Köln, wo Ungers nach der vergeblichen Bewerbung für den
historisch dritten Neubau des Wallraf-Richartz-Museums (1986) endlich
die vierte und vorerst letzte Heimstätte der inzwischen um die
„Fondation Corboud“ erweiterte Gemäldesammlung bauen durfte.
Das 2001 eröffnete Haus befindet sich an sensibelster Stelle
inmitten der Kölner Altstadt: Vorne der Rathausplatz mit dem
herrlichen Renaissance-Portal, schräg davor der Abgang zur
Mikwe, dem jüdischen Kultbad aus dem Jahr 1170. Hinten die
gotische Kirchenruine von Sankt Alban sowie der Gürzenich, die
im 15. Jahrhundert errichtete traditionsreiche Festhalle der Kölner
Bürger. Der Neubau von Oswald Mathias Ungers nimmt die heikle
Rhythmik des Baublocks, den er auf einem bis dahin brach gelegenen
Grundstück errichtet, behutsam auf. Die Lösung ist
bestechend: An der Platzfront zum Rathaus wiederholt ein prägnanter
Ausstellungsbau die Kubatur des Gürzenich, der den südlichen
Abschluss des Blocks bildet. Die Lücke zwischen dem
Museums-Solitär und der gotischen Ruine füllt ein zweites
Gebäude, das in seiner rhythmischen Abstufung Rücksicht auf
den Straßenverlauf ebenso wie auf die skulpturale Gliederung
der Kirche nimmt. Selbst die Fuge zwischen den beiden Baukörpern
wird zu einer mehrfach deutbaren Referenz an die Geschichte
ausgeformt. Ungers nimmt den Verlauf einer im Krieg untergegangenen
mittelalterlichen Gasse in Gestalt eines gläsernen Treppenhauses
wieder auf und nutzt sie zur Erschließung der beiden
Gebäudetrakte. Nicht genug. Das Gässchen, um das es geht,
ist nicht irgendeine alte Kölner Gasse. Ungers, selbst ein
blendender Kenner der Kunst, weiß, dass in der Gasse mit dem
seltsamen Namen „In der Höhle“ einst Kölns größter
Maler Stefan Lochner wohnte und arbeitete.
Nicht, dass das
Bauen in Berlin weniger Gefahrenpunkte vorfände. Dennoch nimmt
sich die Aufgabe, die Ungers bei seinem aktuellsten Museumsprojekt zu
bewältigen hat, vergleichsweise harmlos aus. Der Kölner
Architekt wird im Rahmen des „Masterplan Museumsinsel Berlin“ das
in einem desaströsen Zustand befindliche Pergamon-Museum
sanieren und ergänzen. Auch hier ist Respekt angebracht. Der
gilt in diesem Fall seinen Vorgängern Alfred Messel und Ludwig
Hoffmann, die den kolossalen Bau zwischen 1906 und 1930 bauten, ohne
ihn bis zu seiner Eröffnung vollenden zu können. Eine der
sensibelsten Aufgaben des Architekten wird es sein, bis 2015 den nie
errichteten „vierten Flügel“ am Kupfergraben, der zugleich
dem bisher maßstablosen Ehrenhof eine gültige Fassung
geben wird, in zeitgenössischer Formensprache zu bauen. Ein
Auftrag, der eine Zurückhaltung verlangt, die fast als Zumutung
verstanden werden könnte. Und doch wird vielleicht gerade dieser
Bau Ungers’ größtes Werk.
Oswald M. Ungers:
Die Museen
Deutsches Architekturmuseum, Frankfurt/Main,
1984*
Kunsthalle, Galerie der Gegenwart, Hamburg, 1997
Museum
Kunst Palast im Ehrenhof, Düsseldorf,
2001
Wallraff-Richartz-Museum, Köln, 2001
Pergamon-Museum,
Berlin, in Planung
* Jahr der Eröffnung