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Schlagworte (Tags) Theorie,Text,Architektur,


hier veröffentlicht: 14.06.2009:01:15:57 bearbeitet:20.04.2011:02:11:22

tradition und moderne


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von Hanno Parmentier

Die Museumsbauten des Kölner Architekten Oswald M. Ungers sind schon heute Teil der Architekturgeschichte.

Dass der Kölner Architekt Oswald M. Ungers als sein erstes Museumsprojekt ausgerechnet das Deutsche Architekturmuseum in Frankfurt am Main (1979-84) entwerfen durfte, wirkt im Rückblick wie eine wohlwollende Geste des Himmels. Kein anderer Architekt in Deutschland hat – mit seinen realisierten Bauten ebenso wie mit den nicht ausgeführten Entwürfen – den Museumsbau, die Königsklasse der Architektur, nachhaltiger geprägt als Ungers. Andres Lepik von der Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin nennt Ungers deshalb den „wahrscheinlich fruchtbarsten deutschen Museumsarchitekten in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts“.


Ungers ist ein Mann der unzweideutigen Form. „Mein Entwurf: die Klarheit, die Geometrie, die Eindeutigkeit“ formulierte der Architekt anno 2001 anlässlich der Wiedereröffnung des nach seinem Entwurf umgebauten Düsseldorfer „museum kunst palast“ lakonisch. Diese programmatische Positionsbeschreibung ist Resultat eines lange währenden Studiums der Geschichte seines Fachs: „In meinem Denken fühle ich mich den geistigen Einflüssen, Regeln und Formgesetzen von Denkern wie Hadrian, ... Schinkel (oder) Mies van der Rohe ... mehr verwandt als den Extravaganzen barocker Baumeister oder den Expressionisten“, schrieb der Kölner 1998. Jedes der seit 1951 von Ungers entworfenen Gebäude – ob Privathaus, Verwaltungsbau oder Museum – spricht Bände über diese Einordnung in eine Traditionslinie der Strenge. Nicht von Ungefähr hatte der Marburger Kunsthistoriker Heinrich Klotz den Wahlkölner aus der Eifel schon 1977 für die Planung des neu zu bauenden Frankfurter Architekturmuseums vorgeschlagen: Klotz hatte die Vehemenz gefallen, mit der Ungers für eine Rückkehr der Architektur zur baukünstlerischen Tradition eintrat. Welche Welten zwischen Ungers’ kühler Ausdrucksform und der zuweilen lärmenden Formenseligkeit mancher zeitgenössischen Architektur liegen, kann schlagend nachvollziehen, wer in Frankfurt den Main auf kurzem Wege überquert: Nur wenige hundert Meter Luftlinie trennen die strenge Fassade des Architekturmuseums auf der Sachsenhäuser Seite von den etwa zeitgleich mit dem Museum entstandenen postmodernen Dekorations-Orgien in der altstädtischen Saalgasse.

Eines überbordenden Dekors bedarf es bei Ungers nicht. Gliederung genug erhalten seine Bauten durch den für ihn stiltypischen Rückgriff auf die hermetischsten Formen allen Bauens – Quadrat/Kubus und Kreis/Kugel, die seiner Architektur eine seltsam majestätisch anmutende Zeitlosigkeit verleihen. Dem Betrachter freilich enthüllt sich nicht, dass beispielsweise beim Entwurf für den – nach den Behausungen von 1861, 1957 und 1986 – mittlerweile vierten Neubau des Wallraf-Richartz-Museums in Köln Maß und Ausrichtung aus dem Vierungsquadrat der benachbarten Kirchenruine von St. Alban abgeleitet wurden.

So hermetisch und streng Ungers’ Museumsbauten wirken, so respektvoll verhalten sie sich auch. Das gilt in zweierlei Hinsicht, nach außen und nach innen. Sie respektieren zunächst ihre eigene Funktion. Die Gebäude sind kein Selbstzweck. Sie dürfen baukünstlerischen Anspruch erheben – nicht aber auf Kosten der zu präsentierenden Kunst. Die Hamburger „Galerie der Gegenwart“ (1997), ein Erweiterungsbau der Kunsthalle, ordnet sich dieser Aufgabe ebenso maßvoll unter wie Ungers’ Kölner Meisterwerk, der Neubau des Wallraf-Richartz-Museums (2001) zwischen Rathaus und Gürzenich.

Beide Bauten demonstrieren aber auch den Respekt, der den oft sensiblen topographischen wie historischen Umfeldern musealer Großbauten gilt. Die Hamburger „Galerie der Gegenwart“ muss sich – als Erweiterung der Erweiterung – mit gleich zwei repräsentativen Vorgängerbauten auseinandersetzen: dem Backstein-Gründungsbau von 1869 sowie dem ersten Erweiterungsbau von 1912-21, den der legendäre Stadtbaumeister Hamburgs, Fritz Schumacher, entwarf. Ernst und heiter zugleich, selbstbewusst, aber nicht auftrumpfend behauptet sich der Ungers’sche Kubus vis-á-vis dem ältesten Teil der Kunsthalle, die zentrale Rolle des Quadrats als gliederndem Moment diesmal geradezu zur Schau tragend.

Noch heikler die Situation in Köln, wo Ungers nach der vergeblichen Bewerbung für den historisch dritten Neubau des Wallraf-Richartz-Museums (1986) endlich die vierte und vorerst letzte Heimstätte der inzwischen um die „Fondation Corboud“ erweiterte Gemäldesammlung bauen durfte. Das 2001 eröffnete Haus befindet sich an sensibelster Stelle inmitten der Kölner Altstadt: Vorne der Rathausplatz mit dem herrlichen Renaissance-Portal, schräg davor der Abgang zur Mikwe, dem jüdischen Kultbad aus dem Jahr 1170. Hinten die gotische Kirchenruine von Sankt Alban sowie der Gürzenich, die im 15. Jahrhundert errichtete traditionsreiche Festhalle der Kölner Bürger. Der Neubau von Oswald Mathias Ungers nimmt die heikle Rhythmik des Baublocks, den er auf einem bis dahin brach gelegenen Grundstück errichtet, behutsam auf. Die Lösung ist bestechend: An der Platzfront zum Rathaus wiederholt ein prägnanter Ausstellungsbau die Kubatur des Gürzenich, der den südlichen Abschluss des Blocks bildet. Die Lücke zwischen dem Museums-Solitär und der gotischen Ruine füllt ein zweites Gebäude, das in seiner rhythmischen Abstufung Rücksicht auf den Straßenverlauf ebenso wie auf die skulpturale Gliederung der Kirche nimmt. Selbst die Fuge zwischen den beiden Baukörpern wird zu einer mehrfach deutbaren Referenz an die Geschichte ausgeformt. Ungers nimmt den Verlauf einer im Krieg untergegangenen mittelalterlichen Gasse in Gestalt eines gläsernen Treppenhauses wieder auf und nutzt sie zur Erschließung der beiden Gebäudetrakte. Nicht genug. Das Gässchen, um das es geht, ist nicht irgendeine alte Kölner Gasse. Ungers, selbst ein blendender Kenner der Kunst, weiß, dass in der Gasse mit dem seltsamen Namen „In der Höhle“ einst Kölns größter Maler Stefan Lochner wohnte und arbeitete.

Nicht, dass das Bauen in Berlin weniger Gefahrenpunkte vorfände. Dennoch nimmt sich die Aufgabe, die Ungers bei seinem aktuellsten Museumsprojekt zu bewältigen hat, vergleichsweise harmlos aus. Der Kölner Architekt wird im Rahmen des „Masterplan Museumsinsel Berlin“ das in einem desaströsen Zustand befindliche Pergamon-Museum sanieren und ergänzen. Auch hier ist Respekt angebracht. Der gilt in diesem Fall seinen Vorgängern Alfred Messel und Ludwig Hoffmann, die den kolossalen Bau zwischen 1906 und 1930 bauten, ohne ihn bis zu seiner Eröffnung vollenden zu können. Eine der sensibelsten Aufgaben des Architekten wird es sein, bis 2015 den nie errichteten „vierten Flügel“ am Kupfergraben, der zugleich dem bisher maßstablosen Ehrenhof eine gültige Fassung geben wird, in zeitgenössischer Formensprache zu bauen. Ein Auftrag, der eine Zurückhaltung verlangt, die fast als Zumutung verstanden werden könnte. Und doch wird vielleicht gerade dieser Bau Ungers’ größtes Werk.

Oswald M. Ungers: Die Museen
Deutsches Architekturmuseum, Frankfurt/Main, 1984*
Kunsthalle, Galerie der Gegenwart, Hamburg, 1997
Museum Kunst Palast im Ehrenhof, Düsseldorf, 2001
Wallraff-Richartz-Museum, Köln, 2001
Pergamon-Museum, Berlin, in Planung
* Jahr der Eröffnung