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Schlagworte (Tags) Experimentelle Räume, Öffentliche Kunst,Kunst des Öffentlichen,Site Specific,Intim/Öffentlich,Erinnerungsmuster,Topographische Vernetzung/Verteilung,Interventionen,Performative Installation, Symbol und Wahrnehmung,Gewächshaus der Erinnerung,Video,Dok,
performative Installation, Lars H. Beuse und Christine S. Thon, 2008


hier veröffentlicht: 29.05.2009:22:14:01 bearbeitet:27.01.2012:16:08:04

konjunktiv/conjunctive (deadline)


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Juli 2008/Lyrikpark auf dem Marienfriedhof Hildesheim - thonbeuse graben nach dem Konjunktiv II


Performance zum Konjunktiv II und zur Archäologie des Begriffs "Deadline" als Auseinandersetzung mit einer "sprachlichen und realen Linie" die Imagination(Möglichkeit) von "Real" unterscheidet. Mit dem Konjunktiv II verlassen wir die reale Welt und widmen uns der irrealen Welt. Diese gedachten, angenommenen oder möglichen Sachverhalte, die nicht real sind und nicht existieren, werden mit dem Konjunktiv II gebildet. Im Falle des Begriffes "Deadline" wird eine Drohkulisse genutzt - die letztlich Konsequenzen aus einer "Überschreitung" der Linie in räumlicher - aber auch zeitlicher Hinsicht - androht.

Insgesamt war wichtig möglichst unauffällig, beinahe "subversiv" - "getarnt" als Tiefbaumaßnahme zu arbeiten, damit die Besucher zunächst den Eindruck haben es handle sich um eine Baustelle der Stadt oder ähnliches. Erst wenn der Besucher den Schriftzug auf dem Schild gelesen hat, wurde er skeptisch und neugierig. Dies gelang halbwegs, obschon wir natürlich im Programm aufgeführt waren. Uns war der Verlauf besonders der des dritten Tages nicht von vornherein klar, am Ende haben wir entschieden, dass die Erinnerung einen ganzen Tag braucht, an dem nur noch sehr leichte und geringe Spuren der Grabung zu sehen sind. So setzten wir die Grassoden wieder ein und achteten darauf, dass man im Prinzip nur noch kleine Narben sieht. Natürlich war der Boden ziemlich niedergetrampelt, das Loch der Grabung aber war verschlossen, und nicht mehr erkennbar. Eine Feder im Boden die den Text "Deadline" fixierte ließen wir zurück.

Doch es ist im Zusammenhang mit dieser Arbeit auch das historisch erste Auftauchen des Begriffes "Deadline" interessant. Die meisten nehmen wie selbstverständlich an, es handele sich um eine zeitliche Grenze, die eines letzten Abgabetermins, dies ist allerdings eine Verwendung, die erst im Verlaufe der Industrialisierung entstanden ist. So ist der Begriff selbst, der hybrid zwischen einer "Zeit" und einem "Ort" changiert besonders interessant:

Historisch war die "Deadline" - die in den Dreck geritzte Linie um Internierungslager im amerikanischen Bürgerkrieg, die nicht überschritten werden durfte, weil man sonst erschossen wurde. Grenzen als Ort, als Linie und als Drohung - als Möglichkeit.

Danach bürgerte sich die Verwendung des Begriffes im Zeitungsdruck ein. Der Blei-Typensatz (Stereotypen) der frühen, aber schon industrialisierten Druckereien. Hier wurde eine "Führungsschiene", die die Typen auf eine gerade Linie brachte als "Deadline" bezeichnet. Die Lettern, die im Bleisatz nicht auf die Linie der Zeilenbreite passten - "starben".

Aus einer Kombination dieser historischen Bedeutungen ergab sich dann die heute übliche Verwendung als "Termingrenze" - allerdings hat diese Grenze nach wie vor ihre "Orte" - die Bürotürme - und ihre "Konsequenzen" - Vertragsstrafen. 

Da dieses Wort als Anglizismus sowiso, jedenfalls in Deutschland etc.pp.,  zur Umgangssprche gehört, fällt ein Nachdenken über die natürlich englische Wortarchäologie natürlich meist under the table - allerdings trifft eine wörtliche Übersetzung es ziemlich gut:

"Todeslinie" - dies galt für die Bürgerkriegssoldaten - und es galt für die Lettern, die im Bleisatz nicht auf die Linie der Zeilenbreite passten - sie starben, und es gilt heute für "Projektinhalte", die nicht rechtzeitig fertig werden, die Kombination mit dem Konkunktiv II - der Möglichkeitsform eröffnet hier die sprachphilosophische "Ausgrabungsstätte" - diese ist in dieser Perormance mit Publikum der einzig - "reale" Ort.

Immer wohnt der "Deadline" eine Drohung inne - eine Drohung, die den Kreis dieser Betrachtungen zum Konjunktiv und zum Friedhof in Hildesheim schließt, aber auch zum Phänomen der "aussterbenden" bzw. sich wandelnden Sprache.

Im Begriff "Deadline" - soweit man ihn nicht einfach routinemäßig, umgangssprachlich einsetzt, ist also eine Menge abstrakter Fragsestellungen verborgen, die sich schon aus der Ergründung, bzw. aus der Archäologie des Begriffes "Deadline" ergeben.

StopMotion sichtbar im Abflussrohr

LiveSchalte Bolivien -> St. Ana del Yacuma

Interview mit Heimatdarsteller


* Der Konjunktiv bändigt die Imagination, ist ihr Oberflächengekräusel. Mit den Mitteln sprachlicher Abstraktion gibt der Konjunktiv der Imagination einen virtuellen, imaginären Raum. Der Herr Wenn und der Herr Hätte ....

* Linien als Grenzen und Orte - als Zeit-Raum-Ort. Die gefakte "spracharchäologische" Grabung auf der Suche nach dem Konjunktiv - das Verschwinden, das Verändern von Sprache.

Dank an:
*Forum Literatur ev. Hildesheim
*Kulturfabrik Löseke Hildesheim
*Jobcenter Hildesheim
*Klosterkammer Hannover
*Bürgerstiftung Hildesheim
*Land Niedersachsen
*Stadt Hildesheim
*Friederich Weinhagen Stiftung
*Niedersächsische Lottostiftung

*Projekt "Documenting Movima, an unclassified language of the Moxos region (Bolivia)" gefördert von der Volkswagenstiftung.

Materialliste:

  • Schild "Tod an der Deadline!" mit zwei WarnFahnen. Text s.o. Aesthetik - typisches Warnschild, wie es in solchen Situationen zum Einsatz kommt.
  • [ 3 Rollen Tesafilm als "Datenträgerfake" ]
  • Spaten
  • Ein Stück Anthrazitkohle.
  • Zelt- "Feldaufenthalt/Grabung/Archäologie"
  • Abflussrohr (Abfluss, Vergessen, Kanalisation als Postulat der Zivilisation. Kanalisation als zivilisatorische Leistung.
  • 1 Video auf Flachbildschirm Stopmotion mit Kopfskulpturen(Night of the living Dead - Konjunktiv "Untod")
  • Flachbildschirm
  • Gebrauchter Labtop mit deutlich sichtbaren Gebrauchsspuren, mit Staub künstlich verschmutzt, mit Pinsel aufgetragen. Feldforschung/Archäologie ist kein Spass, ist kein Laboraufenthalt unter sterilen Bedingungen.
  • Auf LabTop aufgezeichnete Liveschaltung
  • Videostativ
  • VideoKamera in verschlossenem oberirdischen Koffer
  • Feldpostkoffer eines WK 2. Heimkehrers, eines Heimkehrers von der "Deadline". Verweis auf die kriegerische Herkunft des Begriffs.
  • Pavillion - bewusst zufällig "gefunden". Tisch bewusst zufällig "gefunden". Improvisation als wichtige Fähigkeit des Forschenden außerhalb der Labore - vor Ort.
  • Während der Performance entstehendes Material wie Grasnarbe, Erdaufwurf.

 

Eine weitere Arbeit zum Thema - "Grenzen" hier eine vorgefundene "Grenzsituation". Dieses Video stammt aus 2011

Geodaten