Schlagworte (Tags) Text,Denkmal, Symbol und Wahrnehmung,Architektur,Baugeschichte,Tourismus,Gewächshaus der Erinnerung,


erstmals: 11.11.9999 hier veröffentlicht: 29.06.2010 bearbeitet:12.10.2010

"Gewächshaus Erinnerung : Erinnerungsmuster " Hildesheim Site Walks I


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Hildesheim Site Walks I Das Venezia in Hildesheim ist genau da wo es hingehört, in einer neuen, alten Backstube. Ein Fachwerkhaus Hildesheimer Prägung - darin einer der besten Italiener, die ich jemals ausserhalb Italiens angetroffen habe.

Ach - ja, warum passt das? In Las Vegas, da gibt es dieses original nachgebaute Venedig, oder Venetia wie der Amerikaner zu sagen pflegt. Nun ganz ähnlich verhält es sich mit dem Hildesheimer Marktplatz, allerdings gingen die Hildesheimer einen Schritt weiter als die "Las Vegianer" und zeigten sich auch sonst von einer gewissen Schläue: Denn sie bauten nicht eine ferne Stadt als Kristallisationspunkt einer kitschigen Sehnsucht, nein, sie bauten ihr Hildesheim nach, oder freundlicher formuliert, wieder auf, denn auch Hildeheim war nach dem zweiten Weltkrieg gänzlich zerstört.

Nun wenn man die Gebäude heute anschaut, hier die Sparkasse in ihrem exotisch-überbordenden Weserrenaissance Stil - dort das Knochenhaueramtshaus, in Form der berühmten Zuckerhüte, Gebäude deren Grundfläche kleiner ist als die Fläche des Daches, Häuser also, die wie umgekehrte Pyramiden wirken, dann versteht man schon warum diese Häuser originalgetreu nach den alten Plänen wieder aufgebaut wurden.

Es entstand ein beeindruckender Platz, eine Definition von Stadtmitte. Die Finanzierung dieser Bauten geschah übrigens durch Spenden von Bürgern und BürgerInnen. Allerdings entsteht bei klarem Wetter, bei Sonnenschein doch ein leichter Las Vegas Hauch, denn zwar wurde nach alten Plänen gebaut, nicht jedoch mit alten Materialien. Dies springt dehalb sofort ins Auge, weil die Fassaden bisher einfach keine entsprechende Patina ansetzen wollen. Die Dachpfannen reflektieren das Licht recht brilliant, durch die Fenster kann man tatsächlich durchschauen, die Fassadenfarben glänzen und strahlen ebenfalls wie am ersten Tag, die schweren Balken des Fachwerks scheinen erst letzte Woche geschlagen worden zu sein. Eigentlich ist das aber auch irgendwie sympathisch, verheimlicht es eben nicht, dass diese Bauten recht neu sind. Eine Ausnahme bildet freilich ein gotisches Wohnhaus, aber dies zu entdecken überlasse ich mal dem Leser selbst.

Sobald die Sonne die Gebäude nicht mehr zu ihren veräterischen Reflexionen zwingt, wird der Platz beinahe zur belebten "Piazzetta" in einem kleinen aber quirliegen Städtchen. Das bringt uns auch gleich wieder zurück ins Venezia.

Auf den ersten Blick findet man nur Eis, dann Heissgetränke, und wenn man denkt "Oh nur ne Eisdiele" wird man im letzten Moment doch noch fündig. Nichts gibt deutlicher Auskunft über die Qualität eines Italieners in Deutschland als seine Pizza - egal in welchem Preissegment wir uns befinden, und wenn es im "EdelTeuer Laden", Schicki, Schicki, keine Pizza gibt, dann stimmt etwas nicht, oder man leidet an Geschmacksverirrung.

Die einfachsten Dinge, das Banalste, das kleinste Glied der Kette muss erstmal perfekt sein, bevor überhaupt daran gedacht werden kann die Gerichte, die eine halbe DinA4 Seite in Schönschrift einnehmen, auch nur in Erwähgung zu ziehen. Im Venezia steht die Urpizza auf der Karte - und die kennt keinerlei Beimengung von Tomaten, sondern besteht aus Olivenöl und Pizzateig, basta. Im Grunde braucht man, wenn man diese Pizza auf einer Karte findet, schon keine Angst mehr vor einem "GAU" haben. Gut. Ich bestellte sogleich ohne Karte, lapidar einmal Urpizza mit Tomaten und Sardellen, sowie ein paar Artischocken - und mein Gott - heilige Pizza - oh Sonne Hildesheims mögest du niemals untergehen (bzw. ... sinngemäß), es war die beste Pizza die ich in Deutschland je gegessen habe. Nun gut ja - hinter dem Colosseum in Rom, in einer kleinen Seitenstrasse, da ist oder war eine Pizza zu haben, die noch ein Atömchen besser war, aber ich musste schon ziemlich lange nachdenken bevor mir der Laden in Rom wieder einfiel. Das faszinierende am Venezia ist, dass der Geschmack, der Garzeitpunkt einfach alles perfekt war, dabei aber noch eine gewisse Leichtigkeit und Souverenität zum Ausdruck kam, die ungefähr sowas sagt wie "es wäre auch noch besser gegangen - aber wozu?". Symphatisch diese Haltung, denn wahrlich - wozu eigentlich noch besser - mir fiel dann auch keine Antwort darauf ein, zumal ich nicht wirklich ein Freund der bedingungslosen Perfektion bin, bedeutet sie doch allzuoft den Verlust einer eigenen Handschrift.

Kommen wir nun zum Cafe, wozu eigentlich? Oder vielleicht zum Eis, wozu eigentlich? Oder zu diesem neckischen italienischen Schafskäse, den es eigentlich garnicht geben dürfte, der aber auf der Zunge dahinschmilzt, dass es einem die Schamesröte in das Gesicht treibt.

Hach - ja Legenden - "Ich kenn da ein tolles Restaurant am Ende des Universums." - "Ich weis ja dass mir keiner zuhört, aber das Restaurant ist am A N D E R E N Ende des Universums!" - und ganz sicher hat der neue Altbau etwas mit diesem ganzen Venezia zu tun.

lhb

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@inherit

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