by beuse
Es geht in diesem Artikel nicht in erster Linie um die gezeigten Werke, denn hier würde fast jedes einen eigenen Text verdienen, ihre Anordnung im Raum ist subjektiven Vorlieben des Kurators unterworfen und leicht änderbar, es geht um das Gebäude, welches die Kunst vor dem Regen und der Sonne schützt.
Auch wenn die klassischen Rundungen der Romanik, jener für Köln prägenden klerikalen Architektur, zu rechten Winkeln wurden, so muss doch von einem letztlich romanischen Konzept gesprochen werden.
Wuchtig und fest mit dem Boden verankert, tiefgründig, verwachsen mit dem uralten, urbanen Boden erhebt sich der Bau schwer, ohne den aufdringlichen, fast kitschigen Pathos anderer wichtiger Bauten. St. Kolumba die im letzten Krieg untergegangene spät-gotische Kirche bildet den historischen Rahmen, und zwingt das Bauwerk in den klerikalen Kontext, es ist das Diözesanmuseum und es ist einer der neuesten Versuche sich aus den Ruinen der schweren Bombenangriffe zu erheben. "Maria in den Trümmern" eine Kapelle, die St. Kolumba ersetzte, ist in den Museumsbau integriert.
An keiner Stelle wird hier so getan als ob nichts gewesen wäre, die aktive und sehr ernste Auseinandersetzung mit der historischen Situation ist immer präsent. Keine simple Wiederauferstehung oder schnelle Umdefinition, sondern eine komplexe Auseinandersetzung mit dem sehr speziellen Ort im Dreieck Dischhaus, Oper, Kolumba. Die Nord-Süd-Fahrt zerschneidet dieses Spannungsfeld sehr ungünstig und nimmt ihm viel von seinen eigentlichen Möglichkeiten.Verkehr in seiner banalsten Form hat hier eigentlich nichts zu suchen, ist dabei selbst Relikt des Wiederaufbaus, des automobilen Wahnsinns, der aus heutiger Sicht in eine andere Zeit gehört. So sollte man sich keineswegs von der Oper kommend an Kolumba annähern, besser schräg aus Richtung Dischhaus.
Ein Kunststück dürfte es auch sein, zusätzlich die Hohe Straße zu meiden. Mein persönlicher Annäherungsvorschlag geht so:
Mit der U-Bahn bis "Dom/HBF"
Domprobst Ketzer Straße -> An den Dominikanern
->Andreaskloster -> Komödienstraße -> durch
schmalen Treppenaufgang auf die Burgmauer ->Mariengartengasse ->
An der Rechtschule -> Drususgasse -> Kolpingplatz ->
Minoritenstraße -> Ludwigstraße -> Brückenstraße
-> Kolumbastraße. Gewiss ist das nicht der kürzeste
Weg, aber der interessanteste. Außerdem entgeht man so halbwegs
dem Dom- und Einkaufsgewimmel, sowie einer Querung der Nord-Süd
Fahrt.
Von Außen ist der erste Eindruck der,
den auch so manche Klosteranlage des 11. Jahrhunderts macht. Der
Eingang ist kein Eingang sondern ein Riegel, eine gläserne Front
hinter der zunächst im Abstand von zwei Metern eine Mauer zu
sehen ist. Die Transparenz des Glases gibt den Blick frei auf die
Undurchdringlichkeit einer steinernen Wand. Dies ist verwirrend im
besten Sinne, erst als ein freundlicher Museumsmitarbeiter mir die
Tür öffnete war ich wirklich sicher, dass es ein Eingang
für die Öffentlichkeit ist. Hier gibt es nichts umsonst,
hier wird man nicht belagert mit den aufdringlichen Lockungen eines
Gebäudes, hier ist vom ersten Moment an klar, dass man die
banale Wirklichkeit verlässt um ein Exerzitien der Kunst zu
betreten. Hat man die gläserne Tür geöffnet muss man
sich um 90 Grad nach Links wenden, geht etwa 10 Meter zwischen Mauer
und Glas, bis man schließlich durch eine zweite Tür in das
Foyer eintritt. Man kann hier dazu raten sich einmal auf die
gegenüberliegende Straßenseite zu stellen und bei anderen
Besuchern diese 90 Grad Wende, und den Gang zwischen Glas und Stein zu
beobachten.
Im Inneren setzt sich das Konzept fort, das
Gebäude umschließt einen ganz und gar, dies aber derart
subtil, dass man es beinahe gar nicht bemerkt. Im extrem puritanisch
und unaufgeregt gestaltetem Foyer löst man seine Karte.
Gegenüber der Kasse ein Raum mit Schließfächern, die
den Euro nur aus Pfandgründen schlucken.
Der Verzicht auf jegliche Beschilderung ala "Rundgang", was beinahe in jedem anderen Museum zum touristischen Ritual gehört, fehlt hier voll und ganz. Auch der tolle "Museums-Postershop" oder das trendige "Museumscafe", ist schlicht nicht vorhanden, ach wäre es doch immer so, denn wer braucht "VanGogh T-Shirts" und das "Haisteak Hirst" aber bitte medium? In Kolumba wird die Kunst nicht zum PR - Event, zum "Wie lange ist die Schlange heute?" Hype, sie wird in Ruhe gelassen. Allerdings ist zu befürchten, dass aus "versicherungstechnischen Gründen" schon bald erste Schilder mit der Aufschrift "Vorsicht Stufe" auftauchen werden. Dazu später mehr.
Man muss sich seinen Weg zur Kunst suchen, und man findet die Kunst am Ende eines langen fensterlosen Treppenaufgangs, der beinahe noch zu kurz geraten ist, von dem sich mancher allerdings wünschen dürfte er sei kürzer, denn Stufe für Stufe gerät man mehr und mehr in einen Rhythmus aus Steigen, Erwartung, Steigen, Erwartung. Gelingt es jede Stufe mit Bedacht zu nehmen, entfernt sich der Alltag mehr und mehr, wird "das Draußen" zum banalen Gewimmel, zur endlichen Nebensache.
Schließlich befindet man sich in den gänzlich schmucklosen Ausstellungsräumen. Jeweils ein größerer Raum bildet das Zentrum. Von dieser zentralen Position öffnen sich kleine Kabinette, die an Kapellen, wie man sie vom Hauptschiff ausgehend in den meisten Kirchen findet, erinnern. Die "Seitenkapellen" sind jeweils mit einer kleinen fast unsichtbaren Stufe vom zentralen Raum abgetrennt, ja auch mir ist es passiert, dass ich ein wenig stolperte, und ich genoss dieses Stolpern. Natürlich ist hier nicht der Zufall am Werk, denn mit Hilfe dieser kleinen "Denkhilfe" findet eine deutliche Trennung der einzelnen Räume statt, die ihrerseits erneut eine Rhythmik erkennen lässt, welche zu einer körperlichen Reaktion nötigt, wenn auch nicht unbedingt Stolpern die Folge sein muss, so doch wenigstens die Schrittbewegung in den Raum hinein - aus dem Raum hinaus.
Nun zu einem einzigartigen Phänomen,
welches mir in der Art fast noch nie zuvor begegnet ist: Das "dialektische" Fenster. Wie es mit
der Dialektik nun einmal so ist, so ist es auch mit den Fenstern in
Kolumba. Die Fenster verlangen den gewissen Mut zur Schwerelosigkeit
bevor sie einen Blick auf das "das Draußen"
öffnen.
Beinahe stockwerkhoch, mit einer etwa 10 cm
Vertiefung vom Niveau des Fußbodens aus, öffnen sie sich
über eine Fläche von mindestens 10m2 und geben den
Blick frei auf Fragmente der Kölner Innenstadt. Die kleine 10cm
Stufe hinab zum Fenster greift erneut das Konzept des Stolperns, des
kurzen Moments der Schwerelosigkeit auf. Man blickt in verwinkelte
Innenhöfe, auf die Oper hinter der Nord-Süd Fahrt, auf das
Dischhaus, aber man hört nichts. Die Geräusche der tosenden
Stadt bleiben außen vor, dies verstärkt das Gefühl
des Entrücktseins. Das ist
schön, und eröffnet neue Perspektiven auf die Stadt. Mit
der Kunst im Rücken, den ewig tosenden Verkehrslärm
vergessend, wird aus dem Opernvorplatz ein lebendiges städtisches
Areal, wenigstens in der Phantasie. Würde man sich
selbst, von außen, im Fenster stehend betrachten, dann wäre
man die zentrale Figur in einem Kunstwerk, denn aus der ansonsten
vollkommen glatten Fassade ragen die Fensteröffnungen wie
Bilderrahmen hervor. Deshalb nun auch gleich der Rat unbedingt einmal
von außen um das Gebäude zu gehen und zu warten, bis ein
schwindelfreier Besucher sich im Fenster zeigt.
Es gibt wenig zu kritisieren, das
Konzept ist schlüssig, die Erscheinung des Gebäudekomplexes
ist angenehm zurückhaltend, matt, schaut man sich die Wänder aber genau an so findet man sehr filigrane Strukturen im Stein.
Kommen wir nun zu etwas völlig anderem, nämlich zur Archäologischen Zone, die sich im Erdgeschoss befindet. St. Kolumba ist ein äußerst geschichtsträchtiger Ort: über römischen Bauten entstanden seit dem 7. Jh. mehrere Kirchenbauten, unter ihnen auch eine spätgotische 5-schiffige Basilika, die im 2. Weltkrieg weitgehend zerstört wurden. Nach langjährigen archäologischen Ausgrabungen sind die Bodenfunde umfangreich dokumentiert, und nun in der "Archäologischen Zone" zu bestaunen. Natürlich darf hier ein kleines kölsches Wunder nicht fehlen: Die Mauern der Pfarrkirche St. Kolumba wurden im Zuge des zweiten Weltkrieges beinahe vollkommen zerstört, allein eine Marienfigur blieb unversehrt und ragte aus den Trümmern. Letztlich um diese Marienfigur herum wurde ab 1950 eine kleine Kapelle nach Plänen von Gottfried Böhm errichtet. Im Volksmund war diese Kapelle aufgrund der Ereignisse auch als "St. Maria in den Trümmern" bekannt. Man betritt die archäologische Zone durch eine doppelflügelige schwere Holztür im Erdgeschoss und ist sofort in einem surrealistisch anmutendem Szenario. Über einen Steg wandelt man über die Ausgrabungsflächen, die die Entwicklung des Ortes, und damit auch exemplarisch Kölns, dokumentieren. Von den Ruinen römischer Bauten bis hin zu den Fragmenten der spätgotischen Kirche finden sich hier die Zeugnisse einer bewegten urbanen Geschichte. In den Raum hinein ragt die Kapelle von 1950. Doch das eigentlich Beeindruckende der archäologischen Zone ist die Inszenierung des Raumes. In ein seltsames Halbdunkel getaucht ist man in einem Zwischenreich aus Drinnen und Draußen, aus Gegenwart und Vergangenheit. In den Betonwänden befinden sich unzählige kleine fensterlose Öffnungen, durch die der Lärm des Draußen in den Raum dringt, gleichzeitig bleibt man visuell vollkommen abgeschottet, ist allein mit den Ruinen und den Fragment der Böhmschen Kapelle.
Visuell Geschichte, Archäologie, die Zeugnisse der Vergangenheit und akustisch das tosende Leben der Gegenwart. Diese Kombination führt zu einem unvergesslichen Eindruck. Die Ausgrabungen werden voll und ganz in dieses Konzept integriert, ihre Bedeutung für die Stadtgeschichte wird gerade dadurch weit über einen wissenschaftlich, historischen Kontext hinaus in die sinnlich und emotional erfahrbare Sphäre gehoben.
Die Abgase und der "Dreck" des "Draußen", sowie der Staub der Ruinen bilden eine feine, schwebende Festkörperstruktur. Das Licht fällt ebenfalls von außn durch die kleinen Öffnungen in der massiven Wand, man kann den Lichtstrahlen folgen, da Staub und Abgasdunst das Licht brechen. Neuerdings hört man ausserdem virtuelles Taubengegurre als eine Klanginstallation Bill Fontanas.