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Schlagworte (Tags) Intim/Öffentlich,Erinnerungsmuster,Topographische Vernetzung/Verteilung,Theorie,Text,Dok,


hier veröffentlicht: 07.06.2009:21:47:45 bearbeitet:20.04.2011:02:11:49

ruf beim klimawandel an - calling the glacier von kalle laar


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Ruf mich an +498937914058 ich schmelze!



"Calling the Glacier" von Kalle Laar


by beuse

Diesmal ist mir die (Kunst)Kritik einer interessanten Arbeit ein wenig deutlich in Richtung "politischer" Text geraten, ob es an mir, oder an der Arbeit liegt? Oder an dem Widerspruch zwischen Kunst und Politik, oder am immer mal wieder beschworenen Dahinschmelzen desselbigen?

Wenn man die Nummer des Gletschertelefons gewählt hat, und diesen "Schmelzstrom" hört, dann erreicht das Rauschen aus dem Gletschertelefon eine große Unerbittlichkeit, eine große Gnadenlosigkeit, es kann Ohnmachtsgefühle auslösen, denn man möchte das Wasser stoppen, das Rauschen beenden, doch in der konkreten Situation des Anrufes "beim Gletscher" hat man hierzu nur eine Möglichkeit: Auflegen –

Die Diskussion um den Klimawandel ist von mahnenden Bächlein, die im Grunde schon seit den späten 80ern des letzten Jahrhunderts plätscherten zu einem mächtigen, rauschenden Fluss angeschwollen. Ein feuchtes Gleichnis, doch man kommt eben um den gewissen Wasserfaktor nicht herum, bei diesen ganzen Diskussionen um das Schmelzen aller möglichen Eisreserven.

Der Klimawandel selbst ist nicht so einfach "gest(r)ickt", denn schließlich dürfte 2008 einer der "kältesten" Sommer aller Zeiten sein, vielleicht doch eine neue Eiszeit? Der Klimawandel ist kein singuläres-lineares Ereignis mit einzelnen klar benennbaren Ursachen, "er" ist ein rauschender, chaotisch - verteilter und widersprüchlicher Prozess, der über viele Ebenen kaskadiert. Genau diesem Verhalten entspricht in der Sprache und in der Akustik der Begriff "Rauschen".

Ächz – und ? Nur wenig mehr als Beteuerungen, denn wir haben es hier zunächst einmal nur mit der Entdeckung eines Bewusstseins für den Klimawandel zu tun, keineswegs aber mit ernsthaften Schritten, oder gar einer konkreten Änderung des Alltags. Wieder einmal werden wir mit der ganzen absurden Schizophrenie einer [ Polittournee konfrontiert deren Zwischenstation nun Klimawandel heißt ]. Zum Wesen dieser Tournee gehört es ein unglaubliches Brimborium zu veranstalten um einer ernsthaften Diskussion aus dem Weg zu gehen, welche die sozialen Folgen des Klimawandels hinterfragt, die in sehr ernste und konkrete Einschnitte münden müsste. Also heute vielleicht auf Grönland, morgen schon die Abwrackprämie ohne Umweltkomponente beschließen, denn die Zeche zahlen, in mehrfacher Hinsicht, ja sowiso die "geliebten" Kinder, die nächsten Generationen, nach uns die, na was schon, Sintflut.

Das Problem ist eben nicht der abstrakte Klimawandel, okay Leute es wird halt wärmer, vielleicht werden die Wüsten ja grün. Man stelle sich vor Afrika, Südamerika, weite Teile Asiens würden in einem mit dem unseren vergleichbaren Wohlstand leben, realisiert durch ähnlich primitive Maschinen und Techniken, wie wir sie immer noch verwenden - wir könnten dann alle noch ein letztes mal um den Block fahren, dann würde das Licht für die nächsten zweitausend Jahre definitiv und schlagartig ausgehen, auch mit den neuen Abwrackautos. Denn das Problem der Autoindustrie ist keine "Finanzkrise", sondern eine Innovationskrise, eine handfeste Strukturkrise, die auf altmodische Technologien und eine innovationsfeindliche Lobbypolitik zurückgeht.

So tuckern wir mit dem guten alten Ottomotor in die "Apokalypse". Sicher, natürlich, klar, der Wagen ist mit feinster Hightech ausgestettet, von der klimawandelfreundlichen Klimaanlage, über den "Dissy-Dassy-Sensor Lichtanmacher" bis zum "Aufprallschutz für Fliegen an der Windschutzscheibe" - an alles ist gedacht, aber das Antriebsaggregat bleibt immer noch das alte, gern auch mal mit 300 PS und 30 Litern für den Geländewagen, damit man die coolen Stellen mit dem Alpenpanorama auch bei Matsch erreichen kann.

In diesen Zusammenhängen setzt meine Wahrnehmung von Kalle Laars interessanter Arbeit  „Calling the Glacier“ ein. Hey, ich ruf mal eben den Klimawandel an, lausche kurz dem Rauschen des dahin schmelzenden Gletschers: Hm, hm, so, so, ja, ja, na ja, so hört sich das also an, drehe dann den Zündschlüssel wieder herum, und brause davon. Hier zeigt der Schall seine Qualität als abstraktes Medium. Eigentlich reicht schon das Wissen um die Möglichkeit des Anrufes, man muss es nicht hören, der Schall als Option. Ein „Call the change - Drive In“. Dieses „Kippen in den alltäglichen normalen Wahnsinn“ bringt Kalle Laar auf den Punkt. Erst durch die Information, dass es sich um das Rauschen eines abschmelzenden Gletschers handelt wird dieses Rauschen zu einem Rauschen des Klimawandels, dabei bleibt es objektiv völlig belanglos, denn es rauscht eben, wie auch hier die Vey, in meinem Wohnort Satzvey, nach jedem Gewitterguss rauscht, nichts außergewöhnliches. Doch dieses Rauschen ist immer und überall da, ist "Melodie" der sich ändernden Umwelt, in dieser drohenden Normalität liegt die Qualität der Arbeit. Die Arbeit bleibt, da sie keine Bilder vorschreibt, offen und wohltuend abstrakt, erst durch die eigenen Synapsen wird dieses Rauschen zu einer Naturgewalt.

Nun könnte man sich noch ketzerisch die Frage stellen wie die Co2 Bilanz des Gletschertelefons aussieht: Pro Anruf, wird da der Prozess des Abschmelzens beschleunigt? Immerhin ist die Ökobilanz der meisten Mobiltelefone eine echte Horrorstory. Dies ist ein weiterer überzeugender Aspekt: die Geilheit auf Klimawandelbewusstsein und tatsächliche Aktivitäten.

Rauschen ist ein durchdringendes, dabei unscharfes Phänomen, es lässt sich nicht so ohne weiteres greifen, es durchströmt viele Ebenen gleichzeitig, in unterschiedlicher Intensität. Hier findet man die Erklärung für die Widersprüchlichkeit in der Berichterstattung, denn einerseits soll was getan werden, aber andererseits gibt es eben keine individuelle Lösung. Die Verbraucher werden ja gezwungen mit dem Auto zu fahren. Sicher gibt es manchen, dem das auch noch Spass macht, aber eigentlich ist Autofahren Arbeit, und dient vor allem der Arbeit, somit dem Lebensunterhalt. Allein dieser Aspekt macht deutlich was Rauschen heisst, komplexe Kreisläufe werden auf vielen Ebenen tangiert. Populistische Lösungen sind unmöglich. Bereiche die Vordergründig nichts mit Energie, Autos, Ökologie etc. zu tun haben werden "durchrauscht".

Die sozialen Folgen des Klimawandels werden vor allem jene mit sich ausmachen müssen, die bisher schon die Folgen unseres Wohlstandes erdulden mussten. Genau bei diesem Pegelstand aber wird die Diskussion meist schon deutlich leiser. Hinter der vordergründig ökologischen Debatte verbirgt sich eine Debatte um die Frage, welche Teile der Welt weiter in rücksichtslosem Wohlstand leben und welche Teile der Welt verhungern, verdursten, versaufen, erfrieren, oder während dessen in Kriegen ums Wasser oder "sonstwas" sterben. Die Debatte um Umweltschutz kann so schnell zur Luxusdebatte geraten. Werden die zu erwartenden Flüchtlinge, vielleicht aus Afrika, dann "Asyl wegen Klimawandel" erhalten, oder werden wir sie als Wirtschaftsflüchtlinge gnadenlos "abschieben"? Jetzt werden vielleicht einige Leser schreien was hat das denn mit dem Klimawandel zu tun, der Autor pennt, und dieses lineare Denken ist genau das Problem, und zugleich das Ergebnis einer Klimawandeldebatte, welche die ökologischen Folgen abstrakt in den Mittelpunkt stellt, ohne die zu erwartenden sozialen Fragen zu benennen.

Hört man sich dieses Rauschen am Telefon genau an, dann hört man eben nicht nur einen sterbenden Gletscher sondern eine gewaltige Beschleunigung differenzierter Prozesse, die den Klimawandel einerseits möglich gemacht haben, und andererseits dazu führen werden, dass er katastrophale soziale Folgen haben wird. Ein Rauschen, welches Zwischenergebnis und Katalysator zugleich ist. Kalle Laars Arbeit setzt ganz bewusst auf das Telefon um den Klimawandel gleichsam rauschen zu lassen, denn das Telefon, das dauernde belanglose Palavern am Mobiltelefon ("Ja, du, in 1 Minute klingel ich an deiner Haustür wollt ich dir nur kurz sagen. Jo, ich drücke dann auf. Ruf mich halt nochmal kurz an wenn du im Treppenhaus bist.") ist längst so alltäglich und unverbindlich geworden wie scheinbar auch der Klimawandel. Das Telefon bietet hinsichtlich der Materialität der Arbeit aber noch eine weitere Komponente, nämlich die der Übertragung: Das Schmelzwasser des Ferners strömt von weit her direkt in das Ohr des Anrufers, feucht wird es im Ohr deshalb noch lange nicht. Es bleibt diese verzweifelte Distanz, dieses nicht "sehen" können, dieses in Sicherheit wähnen, trotz all der bekannten Fakten. Das "Schmelzrauschen" des Gletschers wird zu einer "Hymne" des entfernten und banalisierten Klimawandels, der in der popkulturellen und poppolitischen Praxis nur als „Hey wir tun doch alles“ Betroffenheitsritual eine Rolle spielt, nicht aber auf der Ebene der tatsächlichen Handlungsweisen.

    * Projekt:Calling the Glacier
    * Kalle Laar Infos